Neu im Kino: "Das Milan Protokoll" von Peter Ott Im falschen Krieg

Kulturthema am 18.1.2018 von Rüdiger Suchsland

"Das Milan-Protokoll" ist ein deutscher Politthriller, der im irakisch-kurdisch-syrischen Grenzgebiet spielt. Vor Ort, wenige Meilen von der nordirakischen Front entfernt, mit kleinem Budget gedreht. Dabei zeigt der Film des deutschen Regisseurs Peter Ott weit mehr als nur verfilmte Nachrichtenbilder.

Sie ist eine Deutsche und sie will Gutes tun: Die Ärztin Martina geht in den Nordirak, in die Gebiete des zerfallenden Staates, in denen sich längst ein unabhängiges Kurdistan gegründet hat. Die kurdischen Peschmerga kämpfen hier als Stellvertreter des Westens gegen den IS, der syrische Bürgerkrieg ist ebenfalls nahe, und so hat man als Ärztin mehr zu tun, als einem recht ist.

Ärztin auf beiden Seiten der Grenze

Regelmäßig fährt Martina auch über die Grenze nach Syrien, um dort Bürgerkriegs-Kämpfer der syrischen Kurden zu behandeln. Eines Tages wird sie bei einer dieser Grenzfahrten entführt. Die Täter sind Sunniten, und sie stehen dem IS nahe. Trotzdem haben sie auch ihre ganz eigene Agenda.

So erlebt man mit den Augen der deutschen Gefangenen die Kompliziertheit und die schillernden Widersprüche der alltäglichen Politik im Nahen Osten. Zuallererst aber geht es um die Erfahrung einer Geiselhaft. Regelmäßig wird die Gefangene verhört und gequält. Mit Martinas Augen beginnt man zugleich auch die Entführer als Menschen zu sehen.

Ernüchterungsprozess einer Idealistin

Die deutsche Ärztin Martina (gespielt von Catrin Striebeck), (Foto: Real Fiction Filmverleih - Real Fiction Filmverleih)
Martina (Catrin Striebeck) Real Fiction Filmverleih - Real Fiction Filmverleih

Will sie überleben, muss Martina genau überlegen, was sie tut. Sie muss Entscheidungen treffen und sich eingestehen, Fehler gemacht zu haben. Und sie muss bereit sein, eigene moralische Grenzen zu überschreiten. Gefangenschaft und Todesangst befördern bei ihr auch eine reinigende "Gewissenserforschung". Ein Leben in Unschuld und Wahrheit ist hier nicht mehr möglich.

Das Milan Projekt (Foto: Real Fiction Filmverleih - Real Fiction Filmverleih)
Omar (Adil Abdulrahman), Chef der Stammesmiliz. Bei der Geiselnahme der deutschen Ärztin versuchen alle Akteure von IS, PKK, den sunnitischen Stämmen und des deutschen und türkischen Geheimdienstes ihre eigenen politischen Interessen durchzusetzen. Real Fiction Filmverleih - Real Fiction Filmverleih

So ist dies auch ein spannender Thriller über Techniken des Überlebens. Es geht um den Ernüchterungsprozess einer Idealistin, die erkennt, dass das reine Gewissen und die richtige Moral allein nicht ausreichen, um in dieser Welt zu überleben.

Politthriller der die Berichterstattung in Frage stellt

"Das Milan-Protokoll" ist ein Politthriller mitten aus dem Herz der gegenwärtigen politischen Konfliktfelder im Nahen Osten. Der Film ist eine spannende und hintergründige Versuchsanordnung, die die Klischees der Berichterstattung über die Ereignisse im Irak und in Syrien weitgehend in Frage stellt.

Es geht, das will der Film klarmachen, im Irak und in Syrien keineswegs in erster Linie um den Kampf für Demokratie und gegen eine Diktatur. Es geht keineswegs um religiöse Konflikte und auch nur wenig um ethnische Rivalitäten. Sondern es geht um Macht. Und wie bei uns im Westen sind es auch im Nordirak vor allem ältere Männer, die ihre Privilegien verteidigen. Ein einfaches Gut-Böse gibt es hier nicht.

Perversion und Widersprüche der deutschen Politik

Der Titel "Das Milan-Protokoll" erinnert an eine jener Tatsachen des nahöstlichen Konfliktherdes, der allzu gern verschwiegen wird: Deutschland ist nämlich nicht nur ein Freund der Freiheit, des Friedens, und der Menschenrechte, sondern auch einer der größten Waffen-Exporteure dieser Welt. Und neben dem Sturmgewehr "G3" und dem "Leopard" ist der "Milan" einer dieser deutschen Export-Schlager: Ein Panzerabwehr-Rakete, die man per Fernsteuerung im Flug lenken kann, und die so leicht ist, dass sie quasi in jeden Rucksack passt. So ist "Das Milan-Protokoll" auch ein Film über die Perversion und die Widersprüche der deutschen Politik.

Politthriller und psychologisches Drama

Aber auch wenn vieles, was hier zu sehen ist, im ersten Moment anmutet wie eine direkte Fortsetzung der "Tagesthemen"-Bilder, und obwohl der Regisseur Peter Ott auch schon Erfahrung als Dokumentarfilmer gesammelt hat, ist dies kein Lehr- oder Erklärungsfilm. Es handelt sich um einen Spielfilm, um einen Politthriller und ein psychologisches Drama.

Er ist auch mutig und sprengt in vieler Hinsicht die eingefahrenen Schemata und primitiven Gut-Böse-Dramaturgien, nach denen in Deutschland Geschichten auf der Leinwand erzählt und Kino-Filme gefördert werden. "Das Milan-Protokoll" traut sich und dem Publikum Zwischentöne zu und moralisiert nicht. Sehr dicht und überzeugend öffnet dieser Film unseren Verstand und unsere Sinne für Erfahrungen aus einer fremden Welt.

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