Neu im Kino: Djam Road-Movie mit griechischem Blues

Kulturthema am 24.4.2018 von Julia Haungs

Der Rembetiko gilt als der griechische Blues – die melancholische Musikrichtung erzählt vom Alltag und den Sorgen der einfachen Menschen. Davon hat Griechenland nach wie vor mehr als genug. Im Dezember wurde der Rembetiko in die Unesco-Liste des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen. Ein passender Zeitpunkt also, um ihm ein filmisches Denkmal zu setzen. Der Franko-Algerier Tony Gatlif verwebt in seinem Road-Movie "Djam" den Rembetiko mit einer Geschichte über Erwachsenwerden, Heimat und Exil.

Die kaputte Treibstange als Metapher der Lähmung Griechenlands

Die letzten Hoffnungen des Griechen Kagouros ruhen auf einem Stück Eisen. Seine Taverne auf Lesbos steht kurz vor der Pleite. Sein Schiff, mit dem er früher Touristen herumgefahren hat, rottet im Hafen vor sich hin. Die Treibstange ist kaputt: das Eisenteil, das im Motor die Kolben auf und ab bewegt. Eine Metapher für die griechische Gesamtsituation.

Regisseur Tony Gatlif zeichnet am Beispiel von Lesbos ein Bild der kompletten Lähmung. Seit der Finanz- und der Flüchtlingskrise hat auf der Insel kaum einer noch Arbeit, denn wo die Touristen ausbleiben, gibt es auch kein Geld mehr zu verdienen.

Video: Djam - der Kino-Trailer

Rembetiko – Musik der griechischen Minderheit in der Türkei

Doch noch hat Kagouros nicht aufgegeben: Um die Dinge wieder in Gang zu bringen, schickt er seine unberechenbare Nichte Djam nach Istanbul. Dort soll sie eine neue Treibstange anfertigen lassen. Ihr erster Weg führt sie aber in ein Lokal, wo gemeinsam Musik gemacht wird. Istanbul gilt als die Geburtsstadt des Rembetiko. Es war die Musik der griechischen Minderheit in der Türkei, bevor 1923 Millionen Griechen aus Kleinasien vertrieben wurden und ihre Musik mit ihnen.

Die verbindende Kraft der Musik

In Istanbul trifft Djam auf die Französin Avril (Maryne Cayon), die in Istanbul eigentlich für die Flüchtlingshilfe arbeiten wollte. Ohne Kontakte und finanzielle Mittel stößt Avril allerdings bald an (Foto: MFA Verlag - Princes Production)
In Istanbul trifft Djam auf die Französin Avril (Maryne Cayon), die in Istanbul eigentlich für die Flüchtlingshilfe arbeiten wollte. MFA Verlag - Princes Production

Die junge Griechin Daphné Patakia als Djam trägt den Film mit ihrer Präsenz. Sie singt, tanzt und musiziert. Regisseur Tony Gatlif feiert mit seinem sinnlichen Film ihre Energie, Lebensfreude und ihre unbändige Freiheitsliebe. Diese Djam wird sich von nichts und niemandem unterkriegen lassen. Daran hat man keinen Zweifel.

In Istanbul heftet sich eine junge Französin an ihre Fersen. Eigentlich wollte sie als Helferin in ein Flüchtlingslager an der syrischen Grenze, aber den Härten der Straße ist sie nicht gewachsen. Die selbstbewusste Djam nimmt sie unter ihre Fittiche. Zu zweit machen sie sich auf verschlungenen Wegen auf die Rückreise nach Griechenland – immer wieder unterbrochen von Begegnungen mit Freunden und Fremden, die aber durch die verbindende Kraft der Musik schnell zu Freunden werden.

Kinostart 26.04. "Djam" von Tony Gatlif

In Istanbul trifft Djam auf die Französin Avril (Maryne Cayon), die in Istanbul eigentlich für die Flüchtlingshilfe arbeiten wollte. Ohne Kontakte und finanzielle Mittel stößt Avril allerdings bald an (Foto: MFA Verlag - Princes Production)
In Istanbul trifft Djam auf die Französin Avril (Maryne Cayon), die dort eigentlich für die Flüchtlingshilfe arbeiten wollte. Ohne Kontakte und finanzielle Mittel stößt Avril allerdings bald an ihre Grenzen und schließt sich kurzerhand Djam an. MFA Verlag - Princes Production Bild in Detailansicht öffnen

Spuren erzählen von den Schicksalen von Migranten

Der Rembetiko ist bis heute eng mit der Katastrophe der Vertreibung aus der Türkei verbunden. In Griechenland war es die Musik der Neuankömmlinge. Die Geflüchteten fühlten sich fremd in der alten Heimat. Die Musik, wegen ihrer orientalischen Anmutung zunächst verboten, wurde zu einem Teil ihrer Identität. Es hat eine innere Logik, dass Tony Gatlif diese Musik, in der die Erfahrung von Flucht und Exil mitschwingt, mit der heutigen Flüchtlingskrise verbindet.

Seine beiden Protagonistinnen bewegen sich auf ihrem Weg von der Türkei nach Griechenland entlang der Flüchtlingsroute. Zwar begegnen sie keinem einzigen Migranten, doch Spuren erzählen von deren Schicksal. Noch glühende Holzscheite. Arabische Schriftzeichen, die vom Blutvergießen in Aleppo künden. Mehrere kaputte Schlauchboote und Schiffe am Strand von Lesbos. Und am eindrücklichsten: ein riesiger Berg Rettungswesten. Man ahnt, dass viele dieser Westen ihre ehemaligen Besitzer nicht vor dem Ertrinken gerettet haben.

Rembetiko als Stück Heimat

Am Ende werden Djam und ihre Familie selbst zu Heimatlosen. Nachdem der Gerichtsvollzieher die Taverne dicht gemacht hat, schippern sie in ihrem reparierten Schiff über das Meer. Obwohl sie alles verloren haben, fühlen sie sich frei. Wie in einer kleinen Arche sitzen sie zusammen, lachen und singen. Anders als am Anfang haben sie ihr Schicksal wieder selbst in der Hand. Die Figuren sind widerständig genug, um auch diese Krise zu überwinden. Und mit dem Rembetiko tragen sie ein Stück Heimat in sich, das ihnen niemand nehmen kann.

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