Filmkritik: "Das Mädchen, das lesen konnte" von Marine Francen Ein französisches Dorf ohne Männer

Von Rüdiger Suchsland

Ein ganzes Dorf ohne Männer - das war Realität in manchen Gegenden Europas im 19. Jahrhundert, denn politische Widerständler wurden massenhaft deportiert. So geschah es auch in Frankreich, als Kaiser Napoleon III an die Macht kam. Die französische Regisseurin Marine Francen erzählt in ihrem Filmdebüt von einem solchen Frauendorf in der Provence und beruft sich dabei auf eine wahre Geschichte.

Paris ist fern

Ein Dorf in den Voralpen, Frankreich im Jahr 1851. Gerade ist die Revolution in Paris gescheitert, ein neuer Kaiser ist an der Macht: Napoleon III.

Für die Bauern scheint sich nicht viel zu ändern. Ihr Lebensrhythmus wird scheinbar weniger von der großen Politik bestimmt, als von den Jahreszeiten, von Aussaat und Ernte, dem Zustand der Tiere und der Menge der Vorräte.

Paris ist fern, selbst in die nächste Provinzstadt muss man ein paar Tage laufen.

Frauen bleiben zurück

Aber eines Morgens holt sie der Schrecken ein, in Form bewaffneter Gendarmerie. Gewehrkolben schlagen an die Tür und alle Männer werden verhaftet, ohne Ausnahme. Die Frauen sind auf sich allein gestellt.

Sie müssen nicht nur die überaus schwere Arbeit der Männer mitübernehmen, zusätzlich zu der Arbeit im Haus und der Kinderbetreuung. Sie vermissen auch den Ehemann, den Liebhaber und den potentiellen Verlobten.

Der nächste Mann gehört allen

Aber irgendwie meistern sie die überaus schwierige Lage, gewöhnen sich daran, allein zu sein. Nur die Sehnsucht bleibt.

Also schließen die Frauen einen Pakt: Würde doch einmal ein Mann vorbeikommen, dann werde man ihn teilen, in jeder Hinsicht. Und eines Tages ist es dann so weit.

Konkurrenz und strenge Hierarchie

"Le Semeur" heißt dieser Film im Original, also "Der Sämann". Die Bäuerin Violette, auf deren Erinnerungen der Film beruht, führt als Erzählerin durch den Film.

Im Zentrum steht hier nicht etwa der Mann, der erst nach etwa einer Filmstunde auftaucht, sondern das Leben der Frauen miteinander. Das ist keineswegs konfliktfrei. Auch unter den Frauen gibt es Konkurrenz und eine strenge traditionelle Hierarchie.

Kinostart 10.01. Das Mädchen, das lesen konnte von Marine Francen

Südfrankreich, 1851: Die Bäuerin Violette Ailhaud (Pauline Burlet) lebt in einem kleinen Bergdorf in der Provence. (Foto: FilmKinoText -)
Südfrankreich, 1851: Die Bäuerin Violette Ailhaud (Pauline Burlet) lebt in einem kleinen Bergdorf in der Provence. FilmKinoText - Bild in Detailansicht öffnen
Alle Männer des Ortes werden von Louis Napoléons Soldaten verschleppt, als dieser die 2. Republik stürzt, um sich als Napoléon III. zum Kaiser der Franzosen zu krönen. FilmKinoText - Bild in Detailansicht öffnen
Die Frauen sind von nun an auf sich gestellt und versuchen, mit vereinten Kräften die Arbeiten des Jahreslaufs zu meistern. FilmKinoText - Bild in Detailansicht öffnen
Trotz ihrer Sorge um die verlorenen Männer sind die Frauen stolz auf ihre Unabhängigkeit. FilmKinoText - Bild in Detailansicht öffnen
Nach über einem Jahr vergeblichen Wartens fassen die jungen Frauen einen Beschluss: wenn jemals wieder ein Mann in das Dorf kommt, soll er für alle Frauen da sein, damit das Dorf weiterhin Bestand hat. FilmKinoText - Bild in Detailansicht öffnen

Eine Frau im Dorf kann lesen

Hier ist dann die Erzählerin Violette im Zentrum. Denn sie ist tatsächlich, wir befinden uns immerhin in der Mitte des 19. Jahrhunderts, die einzige Frau im Dorf, die lesen kann.

Violette ist die Lehrerin für die Kinder. Aber sie arbeitet genauso auf dem Feld. Gelesen wird die Bibel, ein paar Lexika, die wenigen Zeitungen und politischen Flugschriften, die kursieren. Und Victor Hugo, der Schriftsteller der "Miserablen" und ihrer Befreiung.

Trotz ihrer Sorge um die verlorenen Männer sind die Frauen voller Stolz für ihre Unabhängigkeit. (Foto: FilmKinoText -)
Trotz ihrer Sorge um die verlorenen Männer sind die Frauen stolz auf ihre Unabhängigkeit. FilmKinoText -

Freiheits- und Emanzipationsgeschichte

Dies ist eine Freiheitsgeschichte und eine Emanzipationsgeschichte. Und die Emanzipation aus der selbst und von anderen verschuldeten Unmündigkeit führt vor allem über Bildung, über Bücher - am Anfang war das Wort, auch hier.

Es geht in diesem ungewöhnlichen Film um Freiheit, die aus der Not geboren wird: Um Selbstorganisation, um die Solidarität von Frauen in einer Männerwelt.

Kluger Frauenfilm

Dies ist das Debüt der französischen Regisseurin Marine Francen. Bisher hat Francen als Assistentin für Olivier Assayas gearbeitet, und diese Schule bei einem Erben der Nouvelle Vague merkt man ihr an.

Francen erzählt in Bildern. Manchmal ist ihr Film vielleicht etwas zu vorsichtig und nutzt seine vielen schönen Ansätze nicht gut genug. Aber immer ist er eindrucksvoll und besonders. Dies ist ein besonderer Film. Sinnlich, klug, politisch, feministisch und daher hoch aktuell, auch aber nicht nur, weil er in weiten Teilen von Frauen geschrieben, gedreht und produziert wurde.

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