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Bewegende Filme über Freundschaft und Widerstand: Die 39. Französischen Filmtage in Tübingen und Stuttgart starten

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AUTOR/IN
Tobias Ignée

Es ist das größte Festival in Deutschland für französischsprachiges Kino: Rund 85 Spiel- und Kurzfilme aller Genres zeigen die Französichen Filmtage. Es sind bewegende Filme über Held*innen des Alltags – Menschen, die sich in der Gesellschaft behaupten müssen, daran scheitern und sich zur Wehr setzen.

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„Close“ handelt von Ende einer Kinderfreundschaft

Die beiden Jungs Rémi und Leo spielen Räuber und Gendarmen, rennen über blühende Wiesen, hecken Streiche aus und träumen von einer gemeinsamen Musikerkarriere. Ihre Beziehung ist sehr intensiv, zärtlich, liebe- und rücksichtsvoll, sie schlafen im Bett nebeneinander, kein Blatt passt zwischen die beiden.

Das ändert sich, als sie von ihren Mitschülern gehänselt und ausgegrenzt werden. Leo wird als Schwuchtel bezeichnet. Er wehrt ab, fängt aber an, seine Beziehung zu Rémi zu hinterfragen, distanziert sich von ihm, es kommt zum Bruch zwischen den beiden und endet in einer Tragödie.

Der rührende Film „Close“ vom belgischen Regisseur Lukas Dhont über zwei Teenager am Übergang zur Pubertät und dem Ende der unbeschwerten Kindheit, wurde in diesem Jahr in Cannes ausgezeichnet und ist der Eröffnungsfilm der Französischen Filmtage. „Der Film ist wirklich etwas besonderes“, sagt Festivalleiter Christopher Buchholz.

Dokfilm „Tout commence“ über Jungendliche im Klimaprotest

Der Film steht für den roten Faden des Festivals: Filme über Kinder und Jugendliche, Heldinnen und Helden, die sich in der Gesellschaft behaupten müssen. auch daran scheitern, und die sich zur Wehr setzen.

Wie auch in dem Schweizer Dokumentarfilm Film „Tout commence“, auf Deutsch: Alles beginnt, von Frédéric Choffat. Ein dokumentarisches Porträt seiner Kinder, die 2019 mit anderen zu Tausenden in Zürich für den Planeten auf die Straße gingen und vor Banken demonstrierten, um auf die Klimakrise aufmerksam zu machen.

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Recht auf Abtreibung: „Annie Colère“ von Blandine Lenoir

Weniger kämpferisch ist zunächst Annie im Film „Annie Colère“ von Blandine Lenoir. Sie ist Fabrikarbeiterin in der Provinz und unabsichtlich schwanger geworden.

Bei einer Frauenorganisation, die sich für das Recht auf Abtreibung einsetzt, sucht sie Rat – was ihr sichtlich peinlich ist. Mit der Zeit entwickelt die junge Frau mehr Selbstbewusstsein, engagiert sich und findet ihre Erfüllung im Kampf für die Rechte von Frauen.

Regionaler Schwerpunkt Wallonien mit Juliette Binoche

Ein weiterer Schwerpunkt der Filmtage ist das Kino der Region Wallonie-Bruxelles und es gibt bereits das Liebesdrama „Avec amour et acharnement“ – zu Deutsch: Liebe und Entschlossenheit – mit der Oscarpreisträgerin Juliette Binoche zu sehen. Der auf der diesjährigen Berlinale ausgezeichnete Film kommt im Januar in die deutschen Kinos.

Das Festival gibt einmal mehr spannende Einblicke in das aktuelle französischsprachige Kino und hat selbst für Christopher Buchholz die eine oder andere Überraschung parat. Etwa die amüsante französisch-indische Hommage „Adieu Godard“, an den in diesem Jahr verstorbenen Meister der Nouvelle Vague Jean-Luc Godard.

„Er handelt von einer Gruppe von Männern, die sich immer Pornofilme ausgeliehen haben und irgendwann rutscht ein Godard-Film rein. sagt Christopher Buchholz. „Ich habe bisher nur den Trailer gesehen, aber ich werde als erster da reingehen.“

Was geht - was bleibt? Zeitgeist. Debatten. Kultur. Jean-Luc Godard ist tot: Stirbt mit ihm das Kino?

Eine Ära geht zu Ende, mit dem Tod von Jean-Luc Godard. Am 13. September ist der französische Filmemacher gestorben. Einer der wichtigsten Filmregisseure überhaupt war er, einer, der das europäische Kino revolutioniert hat.

Ein Genie, das man nicht imitieren kann, sagt der Filmregisseur Volker Schlöndorff. Er hat in den 60er Jahren die jungen Wilden der „Nouvelle Vague“ als Filmassistent miterlebt. Godard sei einer, „der konnte nicht anders“: „Er lebte in seiner eigenen Welt. Er war nicht kommunikativ. Er lebte von und für das Kino.“

Aber ist er ab jetzt einfach ein Klassiker unter anderen Klassikern? Der Kulturtheoretiker und Autor Klaus Theweleit glaubt das nicht, er wünscht sich nur mehr Mut bei neuen Produktionen: „Die Filme, die man heute sieht, sind ja nicht schlecht gemacht. Das sind perfekt gemachte Filme, aber wir kennen eigentlich alles, was wir angeboten bekommen.“ Was wir jetzt im Kino oder auf Streaming-Plattformen gezeigt bekommen, sei immer „auf’s Auge gehauen“.
Die Art von Kino, die Godard gemacht habe, nennt Theweleit: „Was man mit Augen nicht sehen kann. Godard gibt uns Einblick in verborgene Realitäten.“

Mehr zum Thema Filme bei "Was geht - Was bleibt?" findet ihr hier: https://www.ardaudiothek.de/episode/was-geht-was-bleibt-zeitgeist-debatten-kultur/globalisierung-auf-dem-filmmarkt-wo-bleibt-deutschland/swr2/10624499/

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