Fernsehfilmfestival Baden-Baden Sind Webserien das neue Fernsehen?

Beim Fernsehfilmfestival in Baden-Baden werden die besten Fernsehfilme gezeigt, die im vergangenen Jahr gesendet wurden. Und es wird mehr und grundsätzlich darüber nachgedacht, wie und wo junge Leute Geschichten erzählen und sehen wollen. Fernsehen für Menschen, die keinen Fernseher besitzen.

Dauer

Wie macht man gutes Fernsehen für Leute, die keinen Fernseher mehr besitzen, die aber dennoch ständig auf Bildschirme schauen? Das ist eine der Grundfragen, die Sender und Filmemacher zur Zeit umtreiben und die Webserie ist eine mögliche Antwort darauf.

Lara (Nomie Laine Tucker) und Vater Thomas (Edin Hasanovic) (Foto: ZDF/ funk - ZDF/ funk)
Lara (Nomie Laine Tucker) und Vater Thomas (Edin Hasanovic) ZDF/ funk - ZDF/ funk

Die Serie "Familie Braun", eine Nazi-Zweier-WG, in deren Leben ein schwarzes Mädchen einbricht, war ein Paradebeispiel: Acht Episoden á sechs Minuten, bös, witzig, schnell, auf den Punkt gebracht. Für die Produktion, die zuerst in der ZDF Mediathek und auf Youtube zu sehen war, gab es einen International Emmy Award.
Familie Braun in der ZDF Mediathek 

Kurze Tablet-Momente unterwegs

Webserien sind vor allem ein Angebot für Menschen mit wenig Zeit. Für die kurzen Tablet-Momente in der U-Bahn oder im Zug. Claudia Tronnier ist beim ZDF unter anderem für die Entwicklung von Multimediaprojekten zuständig. Sie sieht nun aber keinen Zwang, vor allem kurze Formate für den kleinen Seriensnack zwischendurch zu entwickeln.

Neue Fernsehideen 

Claudia Tronnier bekommt beim Baden-Badener Fernsehfilmfestival in diesem Jahr den Hans Abich Preis für ihr Lebenswerk im Dienst neuer Fernseh-Ideen. Zuletzt hat ihre Redaktion die norwegische Jugendserie "Skam" nach Deutschland geholt, hier läuft sie unter dem Titel "Druck" auf den Jugendkanal funk, auf Youtube oder Instagram. 

Kurze, schräge Geschichten sind gefragt

"Die Entwicklung von kurzen schrägen, vielleicht auch herausfordernden Geschichten steht zwar für das Hauptprogramm nicht im Vordergrund", meint Claudia Tronnier. Dennoch sei die Zusammenarbeit mit Nachwuchskräften auch für große öffentlich rechtliche Sender enorm wichtig.

Unauffindbar im Netz 

Rund 1000 Webserien werden im Moment pro Jahr produziert. Wie das enden kann, wenn man keinen großen Sender im Hintergrund hat, zeigt das Beispiel "Lampenfieber", eine Independent-Produktion über junge Schauspieler, schwule Liebe und die Frage wer wo seinen Platz findet. 

Die Webserie hat auf Festivals für Furore gesorgt, wurde öffentlich gefördert, ist aber nach wenigen Folgen wieder eingegangen: Mindestlohn, kein Geld für bekannte Youtuber oder umfassende Instagram-Aktivitäten. Ohne eine umfassende Social-Media-Strategie ist im Netz vieles nichts und sei die Idee auch noch so gut.

High-End-Serien mit Starbesetzung

Autor Richard Kropf hatte mit seinen Projekten "You are wanted" oder "4Blocks" damit keine Probleme. Die High-End-Serien für Streaming-Anbieter mit Stars wie Matthias Schweighöfer oder Frederick Lau gehören jedoch nicht zum klassischen Webseriengenre.

Das Netz fordert andere Erzählweisen

Dennoch reicht die angeblich unbegrenzte Kreativität selbst bei Netflix oder Amazon nur so weit bis die Nutzer ein anderes Angebot anklicken. Die Konsequenz: Im Internet muss anders erzählt werden, meint Richard Kropf.

Viele schnelle Klicks

Der Trend geht grundsätzlich zu kürzeren Aufmerksamkeitsspannen; mehr und mehr Serien veranschlagen 30 Minuten statt 45 Minuten pro Folge. Dafür den großen Einfluss der Webserien verantwortlich zu machen, wäre wohl vermessen. Aber als Teil der digitalen Geschichtenwelt verändern auch sie unsere Wahrnehmung.

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