Kinofilm

„Everything Will Change“: Als Science-Fiction getarnte Klimakatastrophen-Doku

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AUTOR/IN
Rüdiger Suchsland

Mit der umstrittenen Fake-Dokumentation „This Ain't California“ wurde Marten Persiel vor zehn Jahren bekannt. Seitdem hat er an seinem zweiten Langfilm gearbeitet, dieses Mal eine Science-Fiction-Dystopie. Ein düsterer, aber auch hoffnungsvoller Film. Gut gemeint, aber mit wenig Inhalt.

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Alles wird sich ändern

Wie im Märchen geht es los und im Prinzip geht es auch so weiter. „Everything Will Change" - alles wird sich ändern. Auch wenn es anders klingt, hat dieser Titel nichts mit Inflation, Pandemie oder Krieg zu tun. Mit dem Klimawandel und vor allem unserer menschengemachten Reaktion auf ihn allerdings schon. Es gab einmal Giraffen? Was war das noch mal? Im Europa des Jahres 2054 sind sie ausgestorben.

Tiere gibt es überhaupt nicht mehr viele, dafür Beton, Glas, Digitalisierung. Die Häuser ähneln Containern, Verhältnisse sind steril, die Haare der Leute ziemlich bunt. Eines Tages stößt ein junger Mann auf das Foto einer Giraffe. Fasziniert von dem ihm unbekannten Wesen, forscht er nach und erfährt vom Artensterben der vergangenen Jahrzehnte.

Filmstill (Foto: Farbfilm Verleih)
„Everything will change“ erzählt vom abenteuerlichen Road-Trip dreier Freunde Cherry (Jessamine-Bliss Bell), Ben (Noah Saavedra) und Fini (Paul G Raymond), die im Jahr 2054 eine sterile, betonierte Welt bewohnen. Farbfilm Verleih Bild in Detailansicht öffnen
Als sie erfahren, dass ihr Planet einst von reicher, bunter Schönheit geprägt war, machen sie sich auf eine Reise, um Antworten auf ihre immer größer werdenden Fragen zu suchen. Farbfilm Verleih Bild in Detailansicht öffnen
“Was ist Giraffe? Und warum sind die Tiere verschwunden, die es mal gab?” Farbfilm Verleih Bild in Detailansicht öffnen
In einem geheimnisvollen Schloss treffen die Freunde auf Wissenschaftler*innen wie Prof. Dr. Mojib Latif ( Meteorologe und Ozeanograph) die Daten und Erinnerungen zum 6. Artensterben in ihrem Archiv sammeln. Farbfilm Verleih Bild in Detailansicht öffnen
Die Suche führt in die 2020er Jahre - der letzten, verpassten Chance des Planeten. Farbfilm Verleih Bild in Detailansicht öffnen
Die drei sind fassungslos und hecken einen mutigen Plan aus. Farbfilm Verleih Bild in Detailansicht öffnen
Doch ihr Versuch, die Menschheit wach zu rütteln und das Geschehene ungeschehen zu machen, scheitert kläglich. Enttäuscht erkennen sie, dass es in ihrer Welt nichts mehr zu retten gibt. Farbfilm Verleih Bild in Detailansicht öffnen
Schließlich folgen sie den rätselhaften Spuren und fassen die Freunde einen letzten, waghalsigen Entschluss, der alles ändern wird. Unterstützt werden sie auch von dem Regisseur, Autor und Fotografen Wim Wenders. Farbfilm Verleih Bild in Detailansicht öffnen

Ein bisschen Doku, ein bisschen Märchen, ein bisschen Verschwörungstheorie

Im Zentrum dieser Mischung aus Spielfilm und Dokumentarfilm stehen drei junge, gebildete Hipster, die sich auf eine Reise in geheime und versteckte Archive machen. Die drei finden auf analogen Datenträgern heraus, dass es nach dem Jahr 2020 ein verheerendes Artensterben auf der Erde gab. Dafür kombiniert Regisseur Persiel neugedrehte Interviewsequenzen mit Wissenschaftlern, Aktivisten und Künstlern mit Archivaufnahmen von Tieren, die gegenwärtig vom Aussterben bedroht sind.

Ein bisschen Doku, ein bisschen Märchen, und ein bisschen Verschwörungstheorie ist das Ganze also. Ein Klimakatastrophen-Doku-Science-Fiction-Roadmovie-Märchenfilm, der mehr aufrütteln, als informieren will, und ähnlich wie seine jungen Helden einer utopischen Generation jederzeit ausstrahlt, dass er die richtige Haltung und die richtige Moral mit großen Löffeln eingenommen hat.

Gut gemeint, aber unfreiwillig komisch

Alles ist auch sehr thesenhaft angelegt und sehr gut gemeint in diesem Film. Er ist in rasantem Tempo erzählt, wie ein klassischer Actionfilm. Das Hauptproblem dieses in vieler Hinsicht problematischen Films ist aber, dass er unfreiwillig komisch ist: Persiel gibt mit dem pathetisch aufgeladenen Sendungsbewusstsein seines Films dem Zuschauer keine Chance, zu einer eigenen Haltung und Einschätzung zu kommen.

So steht man am Ende etwas ratlos vor diesem agitatorischen Film, der in keiner Szene überrascht, allerdings tolle Naturaufnahmen zeigt, die im Stil den schönsten Tiersendungen im Fernsehen ähneln.

„Everything Will Change“ - viel Thesenballast, wenig Handlung

Während der Film ein so didaktischer wie enthusiastischer Appell für Biodiversität und gegen das Artensterben wird, stirbt unter soviel Thesenballast die schon zuvor auf ein Minimum geschrumpfte Handlung. Die hübschen Bilder rühren und bezaubern, die Wirkung ist verführerisch, die angedeuteten Lösungen bleiben aber schlicht und oberflächlich.

Trailer „Everything Will Change“, ab 14.7. im Kino

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