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Esoterischer Thriller mit Tilda Swinton: „Memoria“ von Apichatpong Weerasethakul

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In seinen besten Momenten gelingen dem thailändischen Regisseur Apichatpong Weerasethakul eindringliche Bildmomente von suggestiver Kraft. 2010 gewann er in Cannes die Goldene Palme mit dem eher abgedrehten Film „Uncle Boonmee erinnert sich an seine früheren Leben“. Seitdem kann jeder Apichatpong Weerasethakul aussprechen und er ist der Darling der europäischen Kulturszene.

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Bewusst langsames Kino: „Memoria“

Der Titel bedeutet Gedächtnis, Erinnerung, aber auch Speicher. Regisseur Apichatpong Weerasethakul lotet in seinem neuen Film, seinem allerersten außerhalb Thailands, dieses Bedeutungs-Feld aus.

Zugleich aber auch das Feld des Rauschs, des Traums, des Ungefähren. Immer wieder geht es bei diesem Regisseur um Trance-Zustände, um den Übergang vom Schlaf zum Traum, um ein Aufwachen, bei dem man den Schlaf mitnimmt.

Die Allzweckwaffe des Kunstkinos:Tilda Swinton

Hier nun spielt alles an einem Ort, der seine ganz eigene Geschichte mit dem Rausch hat: Im kolumbianischen Medellin. Tilda Swinton spielt eine Orchideenexpertin namens Jessica. Sie wacht mitten in der Nacht auf und glaubt, etwas gehört zu haben. Am nächsten Morgen sucht sie ein Tonstudio auf, um das Geräusch zu rekonstruieren.

Nachdem der Tontechniker ihr nicht helfen kann, wendet sich Jessica an einen Arzt. Sie besucht ihre Schwester und kommt an einem archäologischen Zentrum vorbei, in dem gerade gefundene Knochen wieder zusammengesetzt werden. Schließlich hat sie eine lange Begegnung mit einem Fischer, der angeblich die Sprache der Affen versteht, und behauptet jedes Mal zu sterben, wenn er schläft...

Filmstill (Foto: Copyright: ©Kick the Machine Films, Burning, Anna Sanders Films, Match Factory Productions, ZDF-Arte und Piano, 2021)
Seit Jessica (Tilda Swinton) bei Tagesanbruch von einem lauten Knall aufgeschreckt wurde, leidet sie unter Schlafstörungen. Immer wieder hört sie dieses bedrohliche Geräusch, das außer ihr sonst niemand wahrzunehmen scheint. Copyright: ©Kick the Machine Films, Burning, Anna Sanders Films, Match Factory Productions, ZDF-Arte und Piano, 2021 Bild in Detailansicht öffnen
Sie reist ins kolumbianische Bogotá, um ihre kranke Schwester Karen zu besuchen. Dort versucht sie auch mit einem Sounddesigner dem mysteriösen Geräusch auf die Spur zu kommen und in Streifzügen durch die Stadt und Umgebung Klarheit zu finden. Copyright: ©Kick the Machine Films, Burning, Anna Sanders Films, Match Factory Productions, ZDF-Arte und Piano, 2021 Bild in Detailansicht öffnen
Sie freundet sich mit der Archäologin Agnès an. Diese untersucht menschliche Überreste, die beim Bau eines Tunnels entdeckt wurden. Copyright: ©Kick the Machine Films, Burning, Anna Sanders Films, Match Factory Productions, ZDF-Arte und Piano, 2021 Bild in Detailansicht öffnen
Jessica besucht Agnès an der Ausgrabungsstätte. Copyright: ©Kick the Machine Films, Burning, Anna Sanders Films, Match Factory Productions, ZDF-Arte und Piano, 2021 Bild in Detailansicht öffnen
Eine noch tief verborgene Ahnung, woher das Geräusch rühren könnte, wächst in Jessica heran. Copyright: ©Kick the Machine Films, Burning, Anna Sanders Films, Match Factory Productions, ZDF-Arte und Piano, 2021 Bild in Detailansicht öffnen

„Memoria“ lotet die Grenze zwischen Esoterik und Kitsch aus

Für Liebhaber des langsamen Kinos und für bedingungslose Fans der rätselhaften Filme dieses Regisseurs ist „Memoria" ein gefundenes Fressen. Die langen, stillen, unbewegten Aufnahmen in denen Tilda Swinton durch den Dschungel stakst oder bedeutungsvoll in die unsichtbare Ferne blickt, mögen sie rühren, und für Meditationen über das Vergehen der Zeit und die oft verleugnete Magie des Daseins bleibt in diesem Film viel Zeit. Die unmittelbare Sinnlichkeit mancher früheren Filme des Regisseurs wird man vergebens suchen.

Filmstill (Foto: Copyright: ©Kick the Machine Films, Burning, Anna Sanders Films, Match Factory Productions, ZDF-Arte und Piano, 2021)
Der thailändische Regisseur Apichatpong Weerasethakul nimmt mit Hauptdarstellerin Tilda Swinton in „Memoria“ die Zuschauer*innen mit auf eine audiovisuelle Reise. Copyright: ©Kick the Machine Films, Burning, Anna Sanders Films, Match Factory Productions, ZDF-Arte und Piano, 2021

Trailer „Memoria“, ab 5.5. im Kino

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