Filmfestival

Erster Eindruck von den Filmfestspielen in Venedig

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AUTOR/IN
Rüdiger Suchsland

Die Rolle der Kunst und des Künstlers in der Gesellschaft ist wohl in allen Teilen der Welt bedeutender, als in Deutschland – natürlich auch, weil die Not der politischen Verhältnisse dort größer ist. Von einem mexikanischen Schriftsteller in der Lebenskrise erzählt der Regisseur Alejandro Gonzalez Inarritu bei den Filmfestpielen in Venedig in seinem Wettbewebsfilm „Bardo“; und von einem Popsänger, der Präsidentschaftskandidat wird, handelt der Dokumentarfilm „Bobi Wine: Ghetto President“.

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Eine Dokumentation direkt nach der Eröffnungsveranstaltung

Haben Sie schon einmal von Bobi Wine gehört? Wahrscheinlich nicht, so wie wohl kaum ein Zuschauender im Palazzo di Cinema bei den Filmfestspielen auf dem Lido. Aber jetzt kennt ihn zumindest in Venedig jeder: Bobi Wine ist in Afrika und in den schwarzen Communities der westlichen Länder sehr bekannt.

 

Filmfestspiele Venedig: Bobi Wine (Foto: IMAGO, imago)
Bobi Wine ist in seiner Heimat Uganda der größte Popstar des Landes. imago

Bobi Wine ist aber nicht nur ein großes Unterhaltungs Talent, er ist auch ein sehr tapferer Mann. „Bobi Wine: Ghetto President“ heißt ein Dokumentarfilm, der noch am Mittwochabend direkt nach der Eröffnungsveranstaltung in Venedig gezeigt wurde.

Der Trailer:

Bobi Wine wird zum Gegenspieler des Präsidenten

Er erzählt, wie aus einem namenlosen Ghettokid ein Popstar wurde. Und wie dieser Popstar sich in wenigen Jahren zu einem ambitionierten Nachwuchspolitiker, Bürgerrechtler und einer moralischen Instanz entwickelte.

Denn in Uganda regiert seit 36 Jahren der gleiche Präsident namens Museveni mit harter Hand das Land. Nicht alles ist schlecht, was er tut, Bobi Wine selbst hat ihn lange bewundert.

Er hat den Bürgerkrieg beendet, ist ein Verbündeter des Westens und es gibt Wahlen bei denen er regelmäßig mit Mehrheiten zwischen 50 und 70 Prozent gewählt wird. Aber diese Wahlen stehen unter Verdacht, und es ist ganz klar, dass der inzwischen über 70-jährige Museveni nicht willens ist, seine Macht abzugeben. Um seine politischen Gegner einzuschüchtern, ist ihm fast jedes Mittel recht, auch Folter und andere Gewalt. 

Eindrucksvoll ohne Klischees

Bobi Wine gehört zu den wenigen, die sich nicht einschüchtern lassen. Der Film verfolgt, wie er zum wichtigsten Gegenspieler des Präsidenten wird und ihn bei den letzten Wahlen vor wenigen Monaten an den Rand einer Niederlage brachte. Der Film zeigt auch welches Risiko der Popstar dabei eingeht.

Dieser Film ist enorm eindrucksvoll, weil er weder ein Klischee beladen ist, noch ein allzu idyllisches romantisieren das Afrika Bild zeigt. Er zeigt Glück und er zeigt Brutalität, er zeigt Not und Elend und er zeigt was an einem Land die Uganda faszinieren kann. Er zeigt, welchen Preis Demokratisierung kostet, und er zeigt Menschen die bereit sind, ihn zu zahlen. 

 „Bardo“: Eher episch als dramatisch

Der erste richtig ausgezeichnete Spielfilm im Wettbewerb ist gleich drei Stunden lang, und stammt von Alejandro Gonzalez Inarritu. In „Bardo“, der im Untertitel "Falsche Chronik einiger Wahrheiten" heißt, erzählt der Mexikaner drei Stunden lang und eher episch als dramatisch, ein mit vielen Tagträumen und Phantasien gespicktes episodisches Stationendrama. 

Im Zentrum steht ein Endfünfziger, Schriftsteller und Journalist, der einen großen Preis gewinnt, und aus diesem Anlass auf sein Leben zurückblickt. So begegnet er sich selbst in der Kindheit; er begegnet seinem toten Vater; seinem ungeborenen Sohn; den Frauen seines Lebens; aber er begegnet auch den Toten der mexikanischen Geschichte, dem Spanier Hernando Cortez, der vor 500 Jahren Mexiko eroberte und begründete, er begegnet Geistern und Visionen.

Filmfestspiele Venedig:  (Foto: Venezia Biennale)
Alejandro Gonzalez Inarritu schafft immer wieder großartige Bilder: sie sind katholisch, sinnlich, satt. Venezia Biennale

Ein fantastischer Auftakt für den Wettbewerb

Dieser Regisseur will immer alles: eine persönliche Geschichte erzählen, und die Geschichte eines ganzen Landes, seines Mexiko; er will dem großen Federico Fellini huldigen, und große Bilder schaffen voller surrealer und absurdistischer Effekte.

 Ähnlich wie der Konsumismus-kritische Eröffnungsfilm „White Noise“ ist „Bardo“ ein Manifest gegen die, wie es im Film heißt, "pasteurisierte Wirklichkeit" unseres Wohlstandslebens – ein Film, der uns daran erinnern will, worauf es im Leben wirklich ankommt.

Und ein fantastischer für den Wettbewerb in Venedig.

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Rüdiger Suchsland