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Kinofilm „Emily“: Die Autorin Emily Brontë wird bemüht auf Pop-Ikone gebürstet

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AUTOR/IN
Eva Marburg

Mit 29 Jahren schrieb die Schriftstellerin Emily Brontë mit „Sturmhöhe" einen der größten Romane der Weltliteratur. Der Film „Emily“ will der Autorin das Image einer Pop-Ikone verpassen: Sie nimmt Drogen, experimentiert mit Alkohol und beginnt eine Liebesaffäre mit dem Vikar. Allerdings strickt der Film nur weiter an dem modernen Mythos der Autorin und vermag ihr Rätsel nicht zu ergründen.

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Film knüpft an den bestehenden Mythos an

Der Film beginnt mit der großen Preisfrage der Weltliteratur: Wie konnte zu Beginn des 19. Jahrhunderts eine Pfarrerstochter, aufgewachsen auf einem einsamen Fleckchen Erde am Rande der nordenglischen Hochmoore, einen Roman wie "Sturmhöhe" verfassen?

Emily wird als unbändiges Naturwesen gezeigt. Natürlich ist es kein Zufall, dass sie sich in den neuen Vikar William Weightman verliebt. Zwischen beiden entspinnt sich eine Liebesgeschichte, in der die Geschlechterrollen klar verteilt sind. Er unterrichtet sie, es kommt zu Sexszenen im Heu in einem verlassenen Schäferhäuschen oder vor dem prasselnden Kamin im Pfarrhaus.

Filmstill (Foto: Wild Bunch)
Emily (Emma Mackey) und Vikar Weightman (Oliver Jackson-Cohen). Als William sich von Emily trennt, weil er dann doch etwas Gottloses in ihr zu erkennen glaubt, stürzt die Dichterin in Depressionen. Wild Bunch

Emily Brontë zur Pop-Ikone stilisiert

Die Liebesbeziehung ist historisch an den Haaren herbeigezogen. Der Film verfolgt den Plan, die Rätselfigur Emily Brontë als heutige Pop-Ikone aufzuschlüsseln, wie es derzeit mit vielen Autor*innen passiert, die ihrer Zeit irgendwie voraus waren und nun im Kino als Rebellen inszeniert werden.

In diesem Sinn wird auch Emily hier das verpasst, was der Regisseurin Frances O'Connor offenbar als gegenwärtig erschien: ein bisschen Sex, Drugs and Rock'n'Roll. Emily sticht sich ein Tattoo, experimentiert mutig mit Drogen und Alkohol.

Filmstill (Foto: Wild Bunch Filmverleih)
Emily Brontë (Emma Mackey) wurde mit ihrem einzigen Roman „Sturmhöhe" fast über Nacht berühmt. Weil sie die Veröffentlichung ihres Romans nur kurz erlebte, wurden sehr bald nach ihrem Tod bereits eifrig Legenden gesponnen, was für eine mysteriöse Figur, was für ein unabhängiger Geist sie war. Wild Bunch Filmverleih

Kino über weibliche Autonomie geht anders

Dass die Schriftstellerin Emily Brontë hier alle paar Minuten von Männern mit der Nase darauf gestoßen werden muss, dass sie Talent zum Schreiben haben könnte, geht vollkommen an der Größe der Autorin vorbei. Es ist auch fragwürdig für einen Film, der eindeutig feministisch daherkommen möchte.

Der Roman „Sturmhöhe" fasziniert durch seine komplexen Untiefen, seine ungeheuerlichen Leidenschaften, das beschriebene Böse im Menschen, das hier attraktiv wirkt. Vermutlich hat Emily Brontë diese Gefühle nie selbst erlebt, ihr Rätsel bleibt uneingenommen. Aber über weibliche Autonomie lässt sich offenbar immer noch kein Film machen.

Trailer „Emily“, ab 24.11. im Kino

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