Filmkritik

Emily Atefs neuer Film „Mehr denn je": Ein gutes Leben mit dem Tod

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Simone Reber

Wie lebt man mit der Erkenntnis, sterbenskrank zu sein? In ihrem neuen Spielfilm „Mehr denn je“ findet die Regisseurin Emily Atef einen unsentimentalen Ton für ihre Geschichte vom Sterben. Die Hauptfigur Hélène leidet an einer tödlichen Lungenkrankheit. Eine Diagnose, die sie von ihren Liebsten entfernt. Trost findet sie in der Verschmelzung mit der Natur. Ein mutmachender Film über ein angstbesetztes Thema.

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Eine tödliche Diagnose verändert das Leben der Protagonistin

Rechts und links sind die majestätischen Berge zu sehen, dazwischen das dunkelblaue Wasser. Ganz am Ende öffnet sich der enge Fjord in die Weite des Nordmeeres, die Horizontlinie verschwimmt im Dunst. In ihrem bildgewaltigen Film „Mehr denn je“ beschreibt die deutsch-französische Regisseurin Emily Atef das Sterben als Überfahrt.

Die Aufnahmen ihres Kameramanns Yves Cape wirken durchsichtig und entwickeln ihre Spannung aus dem Kontrast zwischen Weite und der Intimität der Nahaufnahme. Die Transparenz spiegelt sich im Gesicht der Hauptdarstellerin Vicky Krieps. Sie spielt Hélène, deren Leben sich fundamental geändert hat, seit sie weiß, dass sie an einer tödlichen Lungenkrankheit leidet. Die Diagnose entfernt sie von ihren Freunden und ihrem Mann Mathieu.

"Mehr denn je"  (Foto: Pandora Filmverleih)
Héléne (Vicky Krieps) und Mathieu (Gaspard Ulliel) sind seit vielen Jahren ein glückliches Paar. Pandora Filmverleih Bild in Detailansicht öffnen
In Bordeaux führen die beiden ein bescheidenes Leben. Doch die Idylle gerät ins Wanken. Pandora Filmverleih Bild in Detailansicht öffnen
Bei Héléne wird eine seltene Lungenkrankheit diagnostiziert und sie sucht nach Antworten. Pandora Filmverleih Bild in Detailansicht öffnen
Die junge Frau landet bei dem norwegischen Blogger Mister (Bjørn Floberg). Pandora Filmverleih Bild in Detailansicht öffnen
Ohne Matthieu besucht sie ihn und hofft dort auf Antworten. Pandora Filmverleih Bild in Detailansicht öffnen
Inmitten der faszinierenden skandinavischen Natur beschließt sie, ihren letzten Weg ohne ihren Mann zu gehen. Pandora Filmverleih Bild in Detailansicht öffnen
Doch Matthieu ist nicht bereit, seine Frau einfach so aufzugeben. Pandora Filmverleih Bild in Detailansicht öffnen

Ein norwegischer Blogger wird für Hélène zum Vertrauten

Hélène leidet an einer Lungenfibrose, die einzige Therapie wäre eine Transplantation beider Lungenflügel. Ihr Mann Mathieu setzt seine Hoffnung in die Möglichkeit, dass sich ein Spender findet. Aber Hélène zweifelt an den Erfolgsaussichten. In ihrer Ratlosigkeit befragt sie das Internet und googelt: „Was tut man, wenn man stirbt?“. Sie findet den Blog von „Mister“, einem Norweger, der an Krebs erkrankt ist.

Hélène beschließt, ihn zu besuchen. Ihr Mann Mathieu ist bereit mitzukommen, aber Hélène möchte die Reise zu „Mister“, der eigentlich Bent heißt, alleine antreten. Bent richtet sein Bootshaus für sie ein. Ihrem Mann erzählt Hélène am Telefon aber eine andere Geschichte.

Die Grenze zwischen Leben und Tod trennt das Paar

Den fürsorglichen Partner Mathieu spielt Gaspard Ulliel. Auch Mathieu ist erschüttert über die Diagnose, reagiert aber mit der Robustheit des Gesunden. Die Grenze zwischen Leben und Tod trennt auch das Paar. Ullliel spielt die Mischung aus zärtlicher Anteilnahme und entschiedener Tatkraft athletisch und empfindsam.

Auf tragische Weise überschattet der Tod jedoch auch diese Rolle: Der Schauspieler kam im Januar mit 37 Jahren bei einem Skiunfall ums Leben.

Die Natur spendet Trost

Emily Atef findet einen unsentimentalen Ton für ihre Geschichte vom Sterben. Ihr Film ist eine neugierige Recherche an den Rändern des Lebens, mit großer Offenheit für Trauer und Schmerz.

Trost findet Hélène in der zunehmenden Verschmelzung mit der Natur. Immer länger treibt sie im eisigen Meerwasser. Als sie den Berg hinauf wandert, wölben sich die Äste der Bäume über ihrem Kopf wie das Dach eines Doms. Weil sie keine Luft mehr bekommt, verliert sie für einen Moment das Bewußtsein. Stille, Dunkelheit. Lautlos flattern Seevögel vorbei. Da versucht der Film, den Übergang von greifbarer Gegenwart und unbegreiflichem Tod visuell zu übersetzen. Ein Mut machender Film über ein angstbesetztes Thema.

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