Die Gesellschaft im Experimentalzustand
Schlagermusik, Jazz, Stummfilme und Revuen hätten damals Bewegung gebracht in Medien und populärer Kultur. Wietschorke, der zu dieser Epoche forscht, analysiert die Zeit: „Und dann ist die Gesellschaft insgesamt in einem Experimentalzustand. Da gibt es sehr viel zu entdecken — und das ist natürlich reizvoll.“
Allerdings zeigten Serien wie „Babylon“ oder „Eldorado KaDeWe“ keineswegs, wie es damals wirklich war. In ihnen seien die 1920er Jahre ein „Kunstprodukt“, denn viele Aspekte des damaligen Lebens blendeten die Drehbuchschreiber aus.
„Eldorado KaDeWe“ in der ARD Mediathek: Historiker über den existenziellen Reiz der 1920er Jahre
Glitzer und Glamour in der Großstadt?
Zum Beispiel spiele die Handlung in Städten wie Berlin. Jens Wietschorke: „Man hat ja fast den Eindruck, als hätte es damals keine Dörfer gegeben, keine Landbevölkerung, keine Kirchen, keine Gottesdienste, keine Volksfeste.“
Weggelassen werde auch die extreme wirtschaftliche Not der Zeit vor 100 Jahren. Seine Bilanz: „Die 1920er eignen sich deshalb für solche Serien, weil sie Stil haben. Und gleichzeitig für Exzess stehen.“ Ein weiterer Pluspunkt sei die Musik, mit der man eine Party veranstalten könne. „Das geht mit der Musik des Kaiserreichs nur sehr schwer“, vermutet der Wissenschaftler.
Vorsicht mit Vergleichen
Vergleiche der Jahre der Weimarer Republik mit der Gegenwart sieht Wietschorke lediglich als „ein schönes Thema fürs Feuilleton“. Damals habe es viel mehr offene Gewalt in viel krasserem Umfang gegeben.
Und er gibt zu bedenken: „Was in den 1920er Jahren in der Öffentlichkeit an rechtsradikalem Blödsinn zu hören war, übersteigt unsere Vorstellungskraft.“ Die Basis für solche Vergleiche sei daher mehr als dünn: „Auch kulturell trennen uns 100 Jahre.“
Einblicke in die Serie „Eldorado KaDeWe“:
