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Eine schwangere 17-Jährige macht sich mit ihrer besten Freundin heimlich auf den Weg nach New York für eine Abtreibung. Eliza Hittman erzählt von dieser Reise in ruhigen, nüchternen Bildern. Ein eindringlicher Film über weibliche Selbstbestimmung und die „Me too“-Realität junger Frauen.

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Keine Alternative zur Abtreibung

Das Baby bekommen oder nicht? Das ist in vielen Abtreibungsdramen der Kern des Konfliktes. Nicht so in Eliza Hittmans Film „Niemals. Selten. Manchmal. Immer“. Für die 17-jährige Autumn kommt etwas anderes als eine Abtreibung zu keinem Zeitpunkt in Frage.

Über die Gründe für ihren Entschluss kann man nur spekulieren, denn über ihren Hintergrund erfährt man fast nichts. Auch die Frage, wer der Vater ist, bleibt offen. Beziehungsweise sie spielt einfach gar keine Rolle. Drehbuchautorin und Regisseurin Eliza Hittman konzentriert sich ganz auf Autumns Leidensweg durch die ärztliche Abtreibungs-Bürokratie.

Film „Niemals Selten Manchmal Immer“ von Eliza Hittman

"Niemals Selten Manchmal Immer" von Eliza Hittman (Foto: Pressestelle, EclairPlay)
Die 17jährige Autumn (Sidney Flanigan) lebt ein unspektakuläres Leben auf dem Land in Pennsylvania: Wenn sie nicht gerade zur Schule geht, arbeitet sie als Kassiererin in einem Supermarkt. Pressestelle EclairPlay Bild in Detailansicht öffnen
Alles verändert sich schlagartig, als Autumn bemerkt, dass sie ungewollt schwanger ist. Pressestelle EclairPlay Bild in Detailansicht öffnen
Auf die Hilfe ihrer konservativen Eltern kann sie nicht bauen und die Broschüren im Gesundheitszentrum sind auch wenig aufschlussreich für das verzweifelte Mädchen. Pressestelle EclairPlay Bild in Detailansicht öffnen
Kurzerhand vertraut sie sich ihrer Cousine Skylar (Talia Ryder) an. Zusammen finden die beiden heraus, dass eine Abtreibung in Pennsylvania ohne die Zustimmung der Eltern unmöglich ist. Pressestelle EclairPlay Bild in Detailansicht öffnen
Verzweifelt suchen die jungen Frauen nach einer Lösung für Autumns Problem. Pressestelle EclairPlay Bild in Detailansicht öffnen
Als sie herausfinden, dass Abtreibungen in New York auch ohne Zustimmung der Eltern durchgeführt werden, kratzen sie all ihr Geld zusammen und brechen auf. Pressestelle EclairPlay Bild in Detailansicht öffnen
In New York angekommen stellt sich heraus, dass es nicht ganz so einfach wird, wie erwartet: Autumn ist bereits in der 18. Woche und die Vorbereitung für den Eingriff ist aufwendiger als gedacht. Pressestelle EclairPlay Bild in Detailansicht öffnen
Ohne Geld für ein Hotel müssen Autumn und Skylar zwei Nächte in den , Bahnhöfen von Manhattan verbringen – als ob die bevorstehende Abtreibung nicht schon belastend genug wäre. Pressestelle EclairPlay Bild in Detailansicht öffnen

Unangepasste Einzelgängerin

Autumn ist eine Einzelgängerin, ausdrucksstark gespielt von Sidney Flanagan: introvertiert, widerständig und unangepasst. Hinter den unbewegten Fassade brodelt es ständig: Wut über den ätzenden Stiefvater, die feixenden Mitschüler, den Fötus in ihrem Bauch.

Einzig zu ihrer Cousine Skylar hat sie ein enges Verhältnis. Als Skylar mitbekommt, dass Autumn schwanger ist, machen sich die beiden Jugendlichen heimlich auf den Weg zu einer Klinik nach New York.

In ihrem Heimatstaat Pennsylvania darf eine Minderjährige ohne Einwilligung der Eltern nicht abtreiben. Doch auch in New York entpuppt sich das Unterfangen als langwieriger denn gedacht.

Bedingungslose weibliche Solidarität

Übermüdet, ohne Geld und ohne Quartier für die Nacht irren Autumn und Skylar durch die Stadt. Dialoge gibt es im Drehbuch von Eliza Hittman wenige, aber die beiden Mädchen verbindet ein stilles Einverständnis und bedingungslose weibliche Solidarität. Der Film wirkt in seiner nüchternen Alltäglichkeit authentisch und porträtiert die beiden jungen Frauen zugleich mit großer Empathie.

Permanente männliche Übergriffe

Schon die Abtreibungsthematik macht den Film zu einem politischen. Noch wichtiger ist aber ein anderes Motiv: Das Recht auf Selbstbestimmung beginnt nicht erst bei einer schwerwiegenden Frage wie Abtreibung.

Hittmann zeigt, wie selbstverständlich die Mädchen ständig männlichen Übergriffen ausgesetzt sind. Sei es ein aufdringlicher Kunde im Supermarkt, wo die beiden jobben, der Chef, der sie begrapscht oder der eigentlich ganz nette Typ, der ihnen in New York hilft, dafür aber zumindest ein bisschen knutschen will.

„Niemals, Selten, Manchmal oder immer“

Das Kernstück des Films ist die Szene, auf die sich auch der Titel bezieht: In der finalen Befragung vor der Abtreibung soll Autumn auf eine Reihe von Fragen zu ihrem Sexualleben mit „Niemals, Selten, Manchmal oder immer“ antworten.

Lange verweilt die Kamera in Nahaufnahme auf ihrem verschlossenen Gesicht. Und es ist herzzerreißend anzusehen, wie die Verschlossenheit einer Verletzlichkeit weicht bis dem Mädchen die Tränen kommen.

Dieser Film geht unter die Haut

Auch danach erfährt man nicht, was genau passiert ist. Aber die Szene reicht, um schlimme Erfahrungen durchscheinen zu lassen. Hittmans Unaufgeregtheit, die sich jeder Übertreibung verweigert, sorgt dafür, dass einem „Niemals. Selten. Manchmal. Immer“ so unter die Haut geht. Egal, wie man zum Thema Abtreibung stehen mag - dieser Film hallt noch lange nach.

Kulturmedienschau Lob in den Feuilletons für „Niemals. Selten. Manchmal. Immer“ | 1.10.2020

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