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Aus Stuttgarts wichtigstem Festivalkino, dem Metropol, soll eine Boulderhalle werden. Im denkmalgeschützten Gebäude – dem alten Bahnhof – soll dann bald geklettert werden, statt mutig produzierten und augenöffnenden Festivalfilmen eine öffentliche Bühne zu bieten. Im November mussten die Besitzer des Kinos Metropol ihren Vertrag beim Immobilienbesitzer Union Investment kündigen, weil sie ihn sich nicht mehr leisten konnten. Damals wie heute reagiert die Stadt überrascht und gibt sich enttäuscht über die Entwicklungen. Nur: Sie hat keineswegs eine weiße Weste in dieser Sache.

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Metropol wird nicht als Kino weitergeführt werden

Irritiert sei man und enttäuscht, so die Stadt. Aus der Zeitung habe man erfahren müssen, dass die Union Investment die ehemalige Heimat des Stuttgarter Festivalkinos Metropol nun an eine Boulderhalle vermietet. Klettern statt Kultur im denkmalgeschützten alten Bahnhof also.

Die Stadt wollte nach öffentlichen Protesten gegen die Schließung des Metropol in der Immobilie weiterhin ein Kino unterbringen und hatte der Union Investment nach eigenen Angaben bereits Mietinteressent*innen präsentiert. Der Dialog über die Zukunft der Immobilie sei mit der Vermietung an eine Boulderhalle unvermittelt und einseitig aufgekündigt worden. Zurecht ist die Stadt enttäuscht darüber.

Wirtschaftlichkeit triumphiert über Kulturgut

Aber irritiert – dass die Union Investment, die ihr Geld mit dem Handel von Immobilien verdient, nach Wirtschaftlichkeit entscheidet und nicht nach Gutmenschentum oder Kultur-Relevanz? Schon längst ist ein geldgetriebenes Handeln zum Maß für die Stadtgestaltung geworden. Da ist Irritation fehl am Platz, leider. Zur Wahrheit gehört aber noch etwas: Die Stadt hat auch keine weiße Weste.

Stadt hätte sich schon viel früher für die Kulturstätte engagieren müssen

Erstens hat das Metropol seit Jahren auf Unterstützung der Stadt gewartet – bloß, es kam nie welche. Da klingt es komisch, wenn die Stadt jetzt sagt, sie sei mit möglichen nachfolgenden Kinobetreiber*innen bereits in Gesprächen über Fördermaßnahmen gewesen. Es stellt sich die Frage: Warum konnten diese Zusagen und Förderangebote nicht dem Metropol gemacht werden, dass unter diesen Umständen vermutlich nie das Handtuch hätte werfen müssen?

Zweitens: Ein denkmalgeschütztes Gebäude wie der alte Bahnhof, das seit Jahrzehnten eine Kulturstätte ist, sollte nicht im Besitz von privaten Immobilienkonzernen sein – sondern im Besitz der Stadt. Diese hatte noch vor der Finanzkrise die Möglichkeit, das Gebäude günstig zu kaufen. Stattdessen hat sie es zwei Mal Investoren kaufen lassen und gleichzeitig ihre eigenen Grundstücke verkauft, um den Haushalt schuldenfrei zu bekommen. Die Rechnung kommt jetzt: Teure Mieten, die sich kaum noch einer leisten kann, weder die Bevölkerung noch Kulturstätten.

Nur das Denkmalamt kann noch einschreiten

Die Stadt wollte zwar umschwenken und hat sich dafür eingesetzt, die Immobilie als Kino weiterzuführen. Bloß: Die Geister, die man einmal rief, lassen sich nicht so leicht wieder einfangen. Wirtschaftsgesteuerte Interessen sind tief verankert in Stuttgart – bis diese wieder aus den Köpfen der Menschen verschwunden sind, bedarf es viel Gegensteuern und mehr als diesen einen Kampf um das frühere Metropol-Kino. Die letzte Hoffnung für den alten Bahnhof und ein mögliches Kino ist derweil das Denkmalamt, das die Entscheidung über die Boulderhalle noch kippen könnte.

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