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Ein narzisstischer Exzess: „Die Hand Gottes“ von Paolo Sorrentino

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Mit dem Film „Die Hand Gottes“ kehrt der Italiener Paolo Sorrentino ins Kino zurück, nach seinen Ausflügen in die Serienwelt, allerdings nur halb. Denn „Die Hand Gottes“ ist von Netflix produziert und läuft nur in wenigen Kinos. Die Filmerzählung dreht sich um das Ende eines Sommers, irgendwo zwischen losem Dahinleben und Sehnsüchten. Sorrentino erzählt anekdotenhaft von einem jungen Mann, der mit dem Regisseur ziemlich viel gemeinsam hat.

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Poesie und Banalität treffen aufeinander

Wir sind in Neapel. Am Anfang steigt der heilige San Gennaro, der Schutzheilige der Stadt, persönlich herab und rettet eine Frau vor persönlichem Unglück, indem er ihre Unfruchtbarkeit kuriert. Später finden wir heraus, dass das wahrscheinlich alles nur in ihrem Kopf stattgefunden hat und die Frau landet in der Psychiatrie – Poesie und Banalität treffen sich, wie oft in diesem Film. Die folgende Filmerzählung dreht sich dann um das Ende eines Sommers, irgendwo zwischen dem losen Dahinleben und dem Erfüllen diffuser Sehnsüchte.

Ist der Protagonist das Alter Ego des Regisseurs?

Der Italiener Paolo Sorrentino, den zumindest manche in seiner Heimat für einen legitimen Erben Federico Fellinis halten, dieser Sorrentino erzählt anekdotenhaft von einem jungen Mann der im Jahr 1986, in dem Jahr in dem Diego Armando Maradona für den SSC Neapel spielte, und bei der WM in Mexiko von der Hand Gottes Hilfe bekam, 16 Jahre alt war. Genauso alt wie Sorrentino selbst, der auch aus Neapel stammt. Und wie Sorrentino will der junge Mann, der im Film Flavio heißt, Filmregisseur werden. Vielleicht dürfen wir ihn uns also als Alter Ego des Regisseurs vorstellen.

Das wäre immerhin interessant. In diesem Sommer sterben die Eltern von Flavio bei einem Autounfall. Besonders schwerwiegende Folgen für den Jungen hat dieses schlimme Ereignis aber nicht. Der Film trottet weiter dahin, der Sommer wäre sowieso zu Ende gegangen, und Flavio macht noch ein paar neue Gelegenheitsfreundschaften unter denen Drogenschmugglern am Hafen.

Paolo Sorrentinos "Die Hand Gottes": Die Familie Schisa sitzt am Tisch (Foto: Pressestelle, Netflix)
Den 16jährigen Fabietto Schisa (links) spielt Filippo Scotti, der bei den Filmfestspielen von Venedig mit dem Marcello-Mastroianni-Preis für den besten Nachwuchsdarsteller ausgezeichnet wurde. Pressestelle Netflix

Sorrentino lässt sein Publikum mit Geschmacklosigkeiten allein

„Die Hand Gottes“ ist wenigstens etwas leiser als die bisherigen Filme von Sorrentino. Aber immer wieder gibt es dieses bewusste Ausstellen des Groteskem, das das Markenzeichen des Italieners ist. Zum Beispiel ein Mann der nicht sprechen kann, der dafür eine Maschine benutzt und dessen Stimme wie die von einem verrosteten Roboter klingt.

Dazu das Betonen des Hässlichen, Abstoßenden und das provokative Spiel mit Geschmacklosigkeiten. Sorrentino zeigt ein Panoptikum aus halbnackten Leibern die die Schönheitsideale aller Jahrhunderte negieren, aus öbszön fluchenden Tanten, notgeilen Onkeln, dummen Brüdern, eitlen Schwestern – aber er kritisiert das nicht, verteidigt es nicht, reiht es einfach auf und lässt sein Publikum allein.

Paolo Sorrentino (Foto: imago images, IMAGO / Antonio Balasco)
Sorrentino ist im italienischen Neapel aufgewachsen. Mit 16 Jahren verlor er seine Eltern bei einem Unfall in einem Haus in den Bergen. Sorrentino, der seine Eltern üblicherweise zu diesem Haus begleitete, war beim Unfall nicht anwesend, da er ein Spiel des SSC Neapel sehen wollte. IMAGO / Antonio Balasco

Kino, das wie ein lauter Brummkreisel nur um den Regisseur kreist

Ein wilder Menschenzoo. Aber diese Wildheit ist immer gezähmt, sie wirkt kalkuliert und seltsam lackiert. Alles in diesem Film funktioniert wie auf Knopfdruck. Eine Nummernrevue. Man meint in Sorrentinos Inszenierungstechnik weniger die Hand Gottes, als die Handschrift des Streamingsenders Netflix zu erkennen, der den Film produziert hat, und ihn bereits in 14 Tagen weltweit zeigt. Der jetzige Kinostart ist also in erster Linie ein Vorwand, um den Richtlinien der Filmförderung zu entsprechen, und Netflix als Freund des Kinos zu verkaufen.

So gehen die ernsteren Themen unter. So bleiben die Gefühle auf Eis gelegt. Es ist verräterisch, dass Sorrentino nun auch sich selbst und seine Kindheit zum Thema seines Films macht, ohne irgendetwas an diesem früheren Ich infrage zu stellen oder zu ironisieren, gar zu kritisieren. Dieses Kino kreist wie ein sehr lauter Brummkreisel nur um seinen Regisseur. Es ist ein narzisstischer Exzess. 

Paolo Sorrentinos "Die Hand Gottes": Regisseur am Set (Foto: Pressestelle, Netflix)
Paolo Sorrentino hat es geschafft, zu einer Marke zu werden, die Filme die er macht, sind Sorrentino Filme. Man mag sie, oder man mag sie nicht. Beides ließe sich begründen, aber jenseits des Geschmäcklerischen gibt es nichts, kein Anliegen und nur die Haltung, sich selbst zu spiegeln. Pressestelle Netflix

Der Trailer zu „Die Hand Gottes“:

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