Film

Drogen, Goldraub und Musik: „Rheingold“ von Fatih Akin erzählt die bewegte Geschichte des deutsch-kurdischen Rappers Xatar

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AUTOR/IN
Julia Haungs

Xatar gehört zu den schillerndsten Figuren der deutschen Gangsterrap-Szene. Nachdem der heute 40-Jährige wegen des Überfalls auf einen Goldtransporter ab 2011 mehrere Jahre im Gefängnis saß, stieg er zum erfolgreichen Rapper, Labelgründer und Gastro-Unternehmer auf. Mit „Rheingold“ hat Regisseur Fatih Akin die bewegte Lebensgeschichte von Giwad Hajabi alias Xatar verfilmt – in einer wilden Mischung aus Gangster-, Flüchtlings- und Familiendrama.

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Streben nach Geld und Ruhm als Lebensmotto

Als Giwad zum ersten Mal „Das Rheingold“ hört, ist er neun Jahre alt. Mit seinen Eltern, einem renommierten Komponisten und einer Klarinettistin, ist er Mitte der 80er-Jahre als Asylsuchender in Bonn gelandet.

Filmstill (Foto: Warner Bros)
Das Leben von Giwar Hajabi aka Xatar (EMILIO SAKRAYA) ist wie ein Rap-Song: vom Drogendealer zum Familienmenschen, erfolgreichen Musiker und Unternehmer. Warner Bros Bild in Detailansicht öffnen
Der neue Film von Regisseur Fatih Akin ist eine wahre Geschichte über Flucht, Familie, Musik und einen spektakulären Goldraub. Warner Bros Bild in Detailansicht öffnen
Während des Iran-Irak-Krieges gelingt der Familie des kleinen Giwar die Ausreise nach Europa. Als Asylsuchende kommen sie schließlich nach Bonn, der Vater hat ein Engagement am Opernhaus. Giwar erhält Klavierunterricht von einer Lehrerin, die Mutter verdient das Geld dafür mit Putzarbeit. Es ist ein tiefer Einschnitt, als der Vater eine neue Liebe findet und die Familie verlässt. Warner Bros Bild in Detailansicht öffnen
Vom Kleinkriminellen zum Großdealer geht es ganz schnell. Bis eine Ladung verloren geht. Um beim Kartell seine Schulden zu begleichen, plant Giwar (Ilyes Raoul als junger Giwar) einen legendären Goldraub. Warner Bros Bild in Detailansicht öffnen
Gemeinsam mit seinem Freund Shamso fasst er einen Plan: Sie wollen einen Goldtransport überfallen, Zahngold von Toten, das von Esslingen nach Pforzheim gebracht wird. Sie erbeuten 250 Kilogramm Gold – ein Millionenwert. Warner Bros Bild in Detailansicht öffnen
Giwar taucht unter, zahlt seine Schulden beim Onkel ab. Er wird verhaftet und nach Syrien abgeschoben. Warner Bros Bild in Detailansicht öffnen
Syrien 2010. Giwar Hajabi (Emilio Sakraya) wird in eine überfüllte Gefängniszelle gebracht. Er ist Kurde, spricht Sorani und wird in die Ecke seiner Landsleute geschickt. Im syrischen Gefängnis wird er verhört und gefoltert, immer wieder stellt man ihm die gleiche Frage: „Wo ist das Gold?“ Warner Bros Bild in Detailansicht öffnen

Die kurdische Familie ist nach der Islamischen Revolution aus dem Iran geflohen, hat Jahre unter kurdischen Widerstandskämpfer*innen hinter sich, danach Folter und Gefängnis im Irak. Das Rheingold, erklärt Giwads Vater ihm, sei das Gold, das unsterblich mache, und wer es habe, werde es nie wieder aus der Hand geben.

Das Streben nach Geld und Ruhm wird ein Leitmotiv für Giwad. Sein Ruf als Gangsterrapper Xatar wird sich später auf einen legendären Goldraub gründen. Nach Jahren als Drogendealer bekommt er 2009 einen Tipp für das eine große Ding. 

Fatih Akin ist fasziniert von seinem Protagonisten

Regisseur Fatih Akin erzählt diesen millionenschweren Überfall auf den Zahngold-Transporter nach Art eines Heist-Movies. Lustvoll schmückt er aus, wie die Gangster in Polizeiuniform sogar noch Amtshilfe von echten Polizisten bekommen.

Überhaupt scheint Fatih Akin für seinen Protagonisten Xatar, der ihn für seinen Film auch beriet, eine große Faszination zu hegen. Er porträtiert ihn als entschlossenen Visionär, der sich nie unterkriegen lässt und die Ausbildung zum unbesiegbaren Straßenkämpfer mit der gleichen Kompromisslosigkeit verfolgt wie den finanziellen Aufstieg.

Die Jahre, die Xatar wegen des Goldraubs im Gefängnis sitzt, interpretiert Akin als Reifejahre eines Coming of Age-Prozesses. Aus dem Kriminellen wird ein Künstler. Mit einem Diktiergerät nimmt er heimlich unter der Bettdecke die Raps für sein Knastalbum auf. 

Xatars Musik bekommt nur eine Nebenrolle

Für Xatars Musik scheint sich Akin in den 140 Filmminuten allerdings am wenigsten zu interessieren. Als Rapper und Erfolgsproduzent mit mehreren eigenen Labels wird der 40-Jährige in „Rheingold“ kaum greifbar.

Deutlich mehr Zeit widmet Akin der Milieuschilderung einer migrantischen Jugend im sozialen Brennpunkt und dem kriminellen Umfeld, in dem Giwad Karriere macht. Es sind männlich dominierte Welten, in denen Gewalt die Währung für Respekt ist – Gewalt, die Akin schmerzhaft explizit zeigt.

Lebensgeschichte wirkt seltsam überhöht

„Rheingold“ erzählt seine Geschichte in einer wilden Mischung aus Gangster-, Flüchtlings- und Familiendrama. Das ist mitreißend, wirklich nah kommt man Xatar in diesem Film aber nicht, trotz der starken Leistung von Hauptdarsteller Emilio Sakraya.

Dadurch, dass Akin mit dem „Rheingold“-Motiv das ganz große Mythen-Besteck auspackt, wirkt diese Lebensgeschichte seltsam überhöht. Man fragt sich, ob Akin nicht vielleicht am Ende einem begnadeten Selbstvermarkter auf den Leim gegangen ist. 

Trailer „Rheingold“, ab 27.10. im Kino

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