Logo des Senders DozhdDoschd - Optimistic Channel (Foto: IMAGO, IMAGO / Russian Look)

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Doku „F@ck This Job“: Wie Doschd vom pinken Lifestyle-Sender zur Speerspitze der unabhängigen Medien in Russland wurde — und dann abgeschaltet

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„Doschd — Optimistic Channel“ nennt sich der russische Sender, der am 3. März 2022 weltweit für Aufsehen sorgt, als er den Sendebetrieb aufgrund der verschärften Mediengesetze im Ukraine-Krieg einstellen muss. „Doschd“ schaltet nämlich nicht einfach ab, sondern das Team verabschiedet sich von seinen Zuschauer*innen mit einem deutlichen „Nein zum Krieg“. Die Filmemacherin Wera Kritechewskaja, selbst Mitgründerin des Kanals, porträtiert „Doschd“ und die Menschen dahinter in der vom NDR ko-produzierten Doku „F@ck this Job — Abenteuer im russischen Journalismus“.

Eine junge Frau im Orangen Rock steht vor einer weißen Wand auf der in großen Buchstaben "Optimistic Channel" angebracht ist. (Foto: IMAGO, IMAGO / EST&OST)
IMAGO / EST&OST

Die Prinzessin mit dem Nachrichtensender

Alles beginnt in den 2000er Jahren mit Medienmanagerin Natalja Sindejewa und ihrem Traum vom eigenen TV-Kanal. Sindejewa ist eine Naturgewalt, leidenschaftliche Tänzerin, hat einen eigenen Radiosender gegründet, verheiratet mit einem reichen Investor. Rauschende Partys pflastern ihren Weg und nun möchte sie einen TV-Sender starten, pink soll seine Farbe werden — wie ihr Porsche Cayenne.

Geld ist kaum ein Problem und gemeinsam mit der Journalistin Wera Kritechewskaja, die nun „F@ck this Job“ gemacht hat, wird „Doschd“ (russ. „Regen“) 2010 während der relativen Entspannung der Medwedew-Präsidentschaft aus der Taufe gehoben. Live-Sendungen, anfangs noch eher holprig, sind das Markenzeichen des Senders.

Eine junge, blonde Frau im Rollstuhl richtet sich die Haare in einem TV-Studio, neben ihr ein TV-Pult, auf das sich eine andere, dunkelhaarige Frau aufstützt. (Foto: IMAGO, IMAGO / EST&OST)
Hinter Doschd steht ein diverses Team — besonders getroffen fühlen sich die Mitglieder durch die Verschärfung der Gesetze gegen „Homosexuellen-Propaganda“ in Russland: Knapp die Hälfte von ihnen identifizieren sich als queer. IMAGO / EST&OST

Populärer Sender gerät in Konflikt mit der Staatsführung

Was als Lifestyle-Projekt für alle beginnt, erlebt seine erste Krise durch die Politik: Sindejewa beschließt eigenmächtig einen regierungskritischen Sketch aus dem Programm zu nehmen, daraufhin wird „Doschd“ von Präsident Medwedew bei einem Besuch gelobt, aber Nachrichten-Profi Kritechewskaja verlässt das Projekt. Sie sieht darin einen Verrat an der Unabhängigkeit des Senders.

„Doschd — Optimistic Channel“ erlebt eine Welle der Begeisterung in Russland, die Zuschauerzahlen steigen immer weiter, Natalja Sindejewa und ihr Team sind voll engagiert und versuchen ein breites Bild der russischen Gesellschaft abzugeben. Doch hier kommt es erstmals zu Konflikten mit der Staatsführung, die sich nicht mehr so einfach lösen lassen.

„Zeigen, was ist“ — auch wenn die Politik das nicht will

Drei Personen in einem TV-Studio, links ein Mann im Anzug hinter einem Pult, recht ein Mann mit Tattoo am Nacken, der einer blonden Frau mit einem Fusselroller über den Blazer streift. Sie blickt zu dem Mann hinter dem Pult und lächelt. (Foto: IMAGO, IMAGO / Russian Look)
Allen eine Stimme geben: Auf Doschd kam auch Oppositionsführer Alexey Navalny regelmäßig zu Wort (li., mit Moderatorin Xenia Sobchenko und Designer Artemy Lebedev). IMAGO / Russian Look

Der Sender berichtet von den Protesten gegen die Wiederwahl von Putin, von den Scharfschützen bei den Maidan-Protesten in der Ukraine, spricht mit russischen Kriegsgefangenen im Donbass. „Zeigen, was ist“ könnte ihr Motto sein — man trifft in der Doku alte Bekannte, wie einen jüngeren Alexey Nawalny oder Boris Nemtsov vor seiner Ermordung. Es wird scharf kontrastiert, was die staatlichen Sender zeigen, während auf der Straße die Führung in Frage gestellt wird: TV-Serien. In dieser Zeit stößt auch Wera Kritechewskaja wieder zum Team.

„Doschd“ wird nach und nach immer weiter eingeschränkt — die Kabelanbieter beenden ihre Verträge, die Werbepartner springen ab, immer weniger Menschen können oder wollen am Abo-Programm teilnehmen, der Sender wird als „ausländischer Agent“ deklariert. Dazu kommen private Rückschläge für Sindejewa, die im Fokus des Films steht: Ihre Ehe kriselt, bei ihr wird Brustkrebs diagnostiziert.

Wie deutsche Großkonzerne russische Staatspropaganda mitfinanzieren:

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Dokumentarfilm auch für Nicht-Russland-Expert*innen

Mit seinen neon-pinken Zwischentiteln, die die auftretenden Personen vorstellen und den zeitlichen Verlauf der Ereignisse einordnen, bringt auch „F@ck this Job“ einen „optimistischen“ Vibe rüber. Viel davon ist der unbändigen Motivation der Journalist*innen und Mitarbeitenden geschuldet, die bei jedem Satz förmlich durch den Bildschirm zu spüren ist — auch wenn dem Reporter unter Beschuss auf dem Maidan in Kiew dann in der Live-Übertragung das titelgebende „Fuck This Job“ rausrutscht.

Trotz des ernsten Themas schaffen es Regisseurin Wera Kritechewskaja und Jutta Hercher, die für die deutsche Bearbeitung zuständig war, eine fesselnde und unterhaltsame Doku abzuliefern: Auch wer sich nicht unbedingt genauer mit der russischen Politik der letzten zehn Jahre auskennt, wird mitgenommen.

Glamour und Glitzer trifft den Wunsch nach offener Diskussion

Ein Paar, bestehend aus einem Mann mit Dreitagebart und einer schwarzhaarigen Frau. Der Mann hält die Frau am Ellbogen fest, sie trägt ein Spitzenkleid, er ein Hemd und hat einen blauen Pullover über die Schultern gelegt. (Foto: IMAGO, IMAGO / ITAR-TASS)
Natalja Sindejewa und Alexander Winokourow sind die Investoren hinter Doschd: Das Paar gehört zur Oberschicht von Moskau, hier aufgenommen bei einer Party für die „100 schönsten Menschen der Stadt 2011“. IMAGO / ITAR-TASS

Unterschwellig nimmt man bei aller Motivation und allem Optimismus wahr: Opposition und das Verfolgen einer Idee vom unabhängigen Sender muss man sich leisten können. Gründerin Natalja Sindejewa und ihr (inzwischen Ex-)Mann, Investor Alexander Winokourow (nicht zu verwechseln mit dem ehemaligen Radprofi) können es sich leisten, mal eben eine Eigentumswohnung in das neue TV-Studio umzurüsten, als „Doschd“ keinen Mietvertrag mehr bekommt. Sie können es — und sie tun es.

Nur noch als Texttafel in den Film geschafft hat es das (vorläufige) Ende von „Doschd — Optimistic Channel“: Die neuen Mediengesetze zum Krieg in der Ukraine machen es den Mitarbeitenden so schwer, sachgerecht über die Ereignisse zu berichten, dass sie den Sendebetrieb vorläufig einstellen. Das gesamte Team verabschiedet sich in einer Live-Schalte, sagt deutlich „Nein zum Krieg“, der antifaschistische Gruß „No pasarán“ fällt und dann — kommt eine Übertragung von „Schwanensee“.

The Entire staff of the Russian TV channel “the rain” resigned during a live stream with last words: “no war” and then played “swan lake” ballet video (just like they did on all USSR tv channels when it suddenly collapsed) #UkraineRussianWar #Ukraine #UkraineWar #Putin #Russia https://t.co/NAkWlghe0r

Zerbricht der Traum von der unabhängigen Presse endgültig?

Während der Sender angibt, seinen Betrieb nur unterbrochen zu haben, ist inzwischen der Großteil des Führungsteams ins Ausland geflohen. Dass sie den Kampf um die Pressefreiheit in ihrer Heimat Russland jedoch nicht so einfach aufgeben werden, scheint jedoch klar.

„F@ck this Job“ bis 25. Februar 2022 in der ARD Mediathek:

Gespräch Russland und Belarus verstehen – Tamina Kutscher und Ingo Petz von Dekoder.org

Tamina Kutscher und Ingo Petz haben Slawistik studiert und arbeiten für die Plattform Dekoder. Darauf werden Texte unabhängiger Medien aus Belarus und Russland in deutscher Übersetzung veröffentlicht.  mehr...

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Gespräch ARTE-Doku ,,Im Fadenkreuz der Machthaber" – Zivilgesellschaft muss sich wehren

Die ARTE-Doku ,,Im Fadenkreuz der Machthaber“ zeigt auf, mit welchen Tricks Autokraten und Populisten weltweit bürgerliche Freiheiten unter Druck setzen. Für Antje Boehmert, Producerin der Doku, ist dies eine Mahnung, für die Bürgerrechte einzustehen und die Zivilgesellschaft zu stärken.  mehr...

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Kulturmedienschau Nach offenem EMMA-Brief, nun ZEIT-Appell: „Abrüstung in der Ukraine, jetzt!“ | 30.6.2022

Es ist noch nicht so lange her, da veröffentlichte das Magazin EMMA einen offenen Brief an Kanzler Scholz, wo 28 Intellektuelle und Künstler:innen forderten, keine schweren Waffen an die Ukraine zu liefern, denn es drohe sonst der 3. Weltkrieg. Nun haben in ZEIT unter anderem mehrerer dieser Verfasser:innen einen Appell zum Waffenstillstand veröffentlicht. Zudem die Meldung: Das gesellschaftspolitische Magazin „Rappler“ rund um Friedensnobelpreisträgerin Maria Ressa auf den Philippinen wird von der Politik geschlossen.  mehr...

SWR2 am Morgen SWR2

Gespräch Sicherheitsexperte zum NATO-Gipfel in Madrid: Neue Angriffspläne Russlands im Keim ersticken

Die Erweiterung der NATO und auch die neue Einschätzung Russlands als strategische Bedrohung bedeute nicht, dass das Militärbündnis seine Politik der Nichteinmischung in den Ukraine-Krieg ändern werde, sagt Oliver Thränert in SWR2, Sicherheitsexperte am Center for Security Studies der ETH Zürich. Die Entschlüsse auf dem NATO-Gipfel in Madrid zu einer verstärkten Präsenz neuer Kontingente im Baltikum, in Polen und Rumänien diene aber dazu, neue Angriffspläne Russlands möglichst im Keim zu ersticken.  mehr...

SWR2 am Morgen SWR2

Kulturmedienschau Friedenspreis für Serhij Zhadan kommt für die Ukraine zu spät | 28.06.2022

Der ukrainische Autor Serhij Zhadan wird mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2022 ausgezeichnet, „für sein herausragendes künstlerisches Werk“, heißt es in der Begründung, „sowie seine humanitäre Haltung, mit der er sich den Menschen im Krieg zuwendet und ihnen unter Einsatz seines Lebens hilft“. Eine Preisverleihung, die trotz ihrer zweifellosen Berechtigung auch ein bitteres Moment hat. Denn hätte die Öffentlichkeit dem Autor Serhij Zhadan schon früher die große Aufmerksamkeit erwiesen, die er jetzt erhält, wäre der Ukraine vermutlich einiges erspart geblieben.  mehr...

SWR2 am Morgen SWR2

Forum Krisengipfel der G7 – Kann sich der Westen neu erfinden?

Michael Risel diskutiert mit
Prof. Dr. Ulrich Brand, Politikwissenschaftler, Universität Wien
Christoph von Marschall, Diplomatischer Korrespondent der Chefredaktion beim „Tagesspiegel"
Dr. Ursula Weidenfeld, freie Journalistin, Berlin  mehr...

SWR2 Forum SWR2

Tagesgespräch Europaparlaments-Vizepräsidentin Barley: Ukraine und EU brauchen Reformen

Die Vizepräsidentin des Europaparlaments, Katarina Barley (SPD), betont, dass sich alle Länder der Europäischen Union einig darüber seien, dass die Ukraine in die EU aufgenommen werden soll. Im SWR2 Tagesgespräch sagt sie, dass der Weg dorthin allerdings noch weit sei: "Es besteht auch eine Einigkeit darüber, das der Beitritt selbst erst erfolgen kann, wenn alle Voraussetzungen erfüllt werden, die auch alle anderen Staaten erfüllen müssen." Bei allen Kriterien - politisch, wirtschaftlich und juristisch - sei noch sehr viel zu tun. Es müsse sich aber nicht nur die Ukraine verändern - auch die EU brauche Reformen. Die größte und sichtbarste Baustelle sei das Prinzip der Einstimmigkeit: "Es geht nicht, dass ein Land wie Ungarn wichtige Fragen blockiert aus ganz egoistischen und sehr fragwürdigen Motiven." Außerdem müsse die "veraltete Agrarpolitik" der Europäischen Union überdacht werden, wenn die Ukraine als sehr großes, landwirtschaftlich geprägtes Land in die EU eintrete.  mehr...

SWR2 Aktuell SWR2

Song des Monats Der Juni-Song von Lars Reichow: Stell Dir vor, es ist Krieg

Seit Beginn des brutalen russischen Angriffskriegs auf die Ukraine durchleben viele von uns eine unerträgliche Ohnmacht. Manche können die schrecklichen Nachrichten nicht mehr ertragen und schalten ab. Und Lars Reichow? Der wünscht sich einmal mehr, er könnte mit einem Lied ansingen gegen den Krieg und die Welt verändern...  mehr...

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Die EU könne der Ukraine schneller und besser helfen als durch den Status als Beitrittskandidat, sagt der Migrationsforscher und Politikberater Gerald Knaus. Der Status sei zwar die richtige Entscheidung, aber: Anstatt die zermürbende Erfahrung einer jahrzehntelange Warteschleife von Ländern wie Nordmazedonien oder Bosnien zu wiederholen, könne die EU dem Land Zugang zu den vier Grundfreiheiten bieten: Freizügigkeit für Menschen, Waren, Dienstleistungen und Kapital. Das sei ein konkretes und erreichbares Ziel.  mehr...

SWR2 am Morgen SWR2

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„Bittere Müdigkeit“ herrsche in der Ukraine angesichts der deutschen Zögerlichkeit bei Waffenlieferungen, sagt die ehemalige Bundestagsabgeordnete Marieluise Beck. Sie ist kurz vor dem geplanten Besuch von Bundeskanzler Scholz in der Ukraine nach Charkiw und Kiew gereist.  mehr...

SWR2 am Morgen SWR2

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Auch nach der Zeitenwende-Rede von Olaf Scholz sieht die Osteuropa-Historikerin Franziska Davies keine Verbesserung im deutschen Verhältnis zur Ukraine. In Deutschland fehle uns die Erfahrung, dass ein „Nie wieder Krieg“ manchmal auch mit Waffen verteidigt werden muss, sagt Davies anlässlich des geplanten Besuchs von Bundeskanzler Scholz in der Ukraine.  mehr...

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