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Neuverfilmung der „West Side Story“: Steven Spielberg wärmt nur den Mythos auf

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AUTOR/IN
Rüdiger Suchsland

Leonard Bernsteins „West Side Story“ ist ein Meilenstein der Musical-Geschichte – Romeo und Julia in den Hochhausschluchten von New York. Steven Spielberg hätte viel Stoff für Aktualisierungen bei seiner Neuverfilmung des Klassikers gehabt, 60 Jahre nach der berühmten Fassung von Robert Wise. Doch sein Remake ist im Prinzip nur eine Kopie, sehr schön, sehr klassisch und doch komplett überflüssig.

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Musical mit Revoluzzer-Potential

Die Verfilmung von Leonard Bernsteins Broadway-Hit war 1961 ein Manifest der damaligen Jugendkultur, der „halbstarken" Rebellen im Geiste James Deans. Ein paar Jahre vor der Revolte von 1968 zeigte der Film die Unzufriedenheit der Jungen mit der wohltemperierten, formatierten Welt der Alten. Gedreht wurde er auf den Straßen von New York – was man sah. Insgesamt war er eine unglaubliche, großartige Momentaufnahme einer Epoche, die für immer verloren ist. Für Historiker ist er heute ein reichhaltiges Studienobjekt – bis hin zu den Turnschuhen, die die Straßenbanden tragen.

Filmstill: Tanzszene aus der „Westside Story“ 2021 von Steven Spielberg (Foto: Copyright Walt Disney Germany)
Tanzszene aus der „Westside Story“ 2021 von Steven Spielberg Copyright Walt Disney Germany

Uninspiriertes Remake

Steven Spielbergs Remake der 60 Jahre alten „West Side Story" ist im Prinzip nur eine Kopie. Es ist keine Variation, kein virtuoses Spiel mit den Motiven, keine auch nur leichte Verschiebung der Perspektiven, schon gar keine neue Interpretation. Spielbergs „West Side Story 2021" ist eine respektvolle Hommage voller Liebe fürs unerreichbare Vorbild, eine nostalgisch-antiquarische Wiederauferstehungsübung in sehr klassischem Stil, fehlerlos, aber uninspiriert. Natürlich macht Spielberg ein paar Zugeständnisse an den politischen Zeitgeist – anders hätte er diesen Film auch gar nicht realisieren können. Aber im Prinzip ist er vor allem daran interessiert, nichts Wesentliches zu verändern.

Komplett überflüssiger Film

Warum macht man diesen Film in einer Zeit, in der das Kino existenziell gefährdet ist, in der es neue, womöglich stärkere Reize braucht, um gegen die Anfechtungen der Streaming-Dienste und die Müdigkeit in der Pandemie zu bestehen? Kaum jemanden hätte man diese Verführungsleistung eher zugetraut als Steven Spielberg, dem großen Märchenerzähler und Versöhner des Kinos, einem der innovativsten Regisseure Hollywoods des letzten halben Jahrhunderts. Dutzende seiner Filme haben das Kino vorangebracht. Seine „Westside Story“ ist sehr schön, sehr klassisch und komplett überflüssig!

Trailer „Westside Story“ von Steven Spielberg

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Rüdiger Suchsland