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„Die Sprache von der Leine lassen“ – Doku über Elfriede Jelinek beim Filmfest München

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AUTOR/IN
Julia Haungs

Elfriede Jelinek gehört zu den renommiertesten und zugleich wohl umstrittensten Stimmen der Gegenwartsliteratur. Lange Jahre in Österreich als „Skandal-Autorin“ geschmäht, erhielt sie 2004 den Literatur-Nobelpreis für ihr Werk. Seitdem hat sich die 75-Jährige aus der Öffentlichkeit zurückgezogen, schockiert von den negativen Reaktionen auf ihre Auszeichnung in der Heimat. Die Regisseurin Claudia Müller würdigt die scheue Künstlerin jetzt mit der Kinodoku „Die Sprache von der Leine lassen“, die beim Filmfest München Premiere feierte.

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Entfesselt Filmsprache

Von der Leine gelassen ist in dieser Doku nicht nur die Sprache Elfriede Jelineks. Auch die Bilder entfalten einen freien, assoziativen Strom, der den Film trägt und ihm eine experimentelle Anmutung verleiht. Das Gesagte wird selten 1:1 bebildert.

Stattdessen wirkt die Montage mal wie eine eigene Kommentarebene, mal geben lange Kamerafahrten über Landschaften oder Gebäude den Texten den Rahmen, in dem sie umso stärker wirken können. Regisseurin Claudia Müller nähert sich dem breit gefächerten und facettenreichen Werk Jelineks über ihr Leben. Für die Doku hat sie Texte und Interviews aus 50 Jahren zusammengetragen.

 

Filmstill (Foto: Farbfilm Verleih)
Der Film über Elfriede Jelinek, die 2004 als erste österreichische Schriftstellerin mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet wurde, stellt ihren künstlerischen Umgang mit Sprache in den Mittelpunkt. Farbfilm Verleih Bild in Detailansicht öffnen
Vielschichtig und assoziativ nähert er sich der Kunst seiner Protagonistin mit ihren eigenen sprachkompositorischen Verfahren. Farbfilm Verleih Bild in Detailansicht öffnen
Kaum eine andere Künstlerin erfährt so viel öffentliche Wahrnehmung wie sie. Über kaum eine andere Schriftstellerin wird mehr geforscht und geschrieben. Sie wird beschimpft und beleidigt, verehrt und gewürdigt, und hat für ihre Arbeiten sämtliche Auszeichnungen erhalten, die die Literatur- und Theaterwelt zu vergeben hat. Farbfilm Verleih Bild in Detailansicht öffnen
Seit den 1960er Jahren hat Elfriede Jelinek ein komplexes, vielschichtiges und vor allem umfangreiches Werk aus Lyrik, Prosa, Hörspielen, Theaterstücken, Essays, Libretti, Drehbüchern und Übersetzungen geschaffen. Farbfilm Verleih Bild in Detailansicht öffnen
Regisseurin Claudia Müller verwandelt Jelineks „musikalischen Fluss von Stimmen und Gegenstimmen“ zu einem visuellen Montagefluss, der das Werk der wohl umstrittensten und produktivsten Ausnahmekünstlerin wie ein Kunstwerk ausstellt. Farbfilm Verleih Bild in Detailansicht öffnen
Ausgehend von der Biografie der 1946 geborenen Künstlerin, die als „dressiertes musikalisches Wunderkind“ bereits Ende der 1960er Jahre ihre ersten Auszeichnungen für ihre literarischen Arbeiten erhielt, taucht der Film in die österreichische Nachkriegsgeschichte ein, die von Verdrängung und Opfermythos geprägt ist. Farbfilm Verleih Bild in Detailansicht öffnen

Strenge Klosterschule und dominante Mutter

Die Doku taucht ein in Jelineks Kindheit in Wien, die geprägt ist von einer strengen katholischen Klosterschule, einem psychisch schwer kranken Vater und einer dominanten Mutter. Diese will aus der einzigen Tochter ein musikalisches Wunderkind machen und lädt ihr einen bis spät abends durchgetakteten Stundenplan auf.

Mit 14 Jahren spielt Jelinek Klavier und Geige, studiert am Konservatorium Orgel, Blockflöte und Komposition. Freunde oder Freizeit haben in diesem Leben keinen Platz. Später entwickelt Jelinek eine Angststörung, die es ihr schwer macht, das Haus zu verlassen.

Flucht in die Literatur

Zur Literatur kommt Jelinek nach eigenen Worten, weil es die einzige Gattung gewesen sei, die die Mutter nicht gefördert habe. Schon ihre frühen Texte greifen Themen wie Sexismus und die Unterdrückung der Frau auf. Später beschäftigt sie sich intensiv mit der Nicht-Aufarbeitung der NS-Vergangenheit in Österreich.

Ein Thema, das ihr in der Heimat endgültig den Ruf einbringt, eine Nestbeschmutzerin zu sein. Ihre krasse und gleichzeitig künstlerisch anspruchsvolle Sprache provoziert. Zum Beispiel ihr Roman „Lust“ von 1989, in dem sie das Zusammenspiel von Sexualität und Gewalt schildert und gleichzeitig die männlich-pornographische Sprache auseinandernimmt.

 Doku zeichnet das Bild einer zugänglichen Elfriede Jelinek

Den Nobelpreis erhielt Jelinek 2004 laut Jurybegründung für den „musikalischen Fluss von Stimmen und Gegenstimmen“ in ihrem Werk. Die Doku „Die Sprache von der Leine lassen“ greift dieses Prinzip auf, lässt Widersprüche zu und gibt Jelineks Texten viel Raum, sich zu entfalten, im Fluss zu bleiben.

Mithilfe hochkarätiger Rezitatorinnen und vieler Jelinek-Interviews entsteht dabei das Bild einer Autorin, die längst nicht so unzugänglich ist, wie es manche ihrer Texte vielleicht erwarten lassen.

Der Film macht Lust, Jelineks Werk zu entdecken

Claudia Müller porträtiert eine politisch engagierte Frau, die nie klein beigibt und mit hintergündigem Humor ihren Kommentar zum Zeitgeschehen abgibt.

In einem Gespräch mit Marlene Streeruwitz hat Jelinek einmal gesagt, im Grunde interessierten sich nur Dissertantinnen der Frauenforschung ernsthaft für ihr Werk. Dieser Film macht auch allen anderen Lust, die Texte Elfriede Jelineks für sich zu entdecken.

„Die Sprache von der Leine lassen“, Kinostart am 10.11.2022

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