Filmkritik "Die Erbinnen" von Marcelo Martinessi

Von Julia Haungs

30 Jahre nach dem Ende der Militärdiktatur von General Stroessner erwacht in Paraguay langsam die Kinoszene des Landes. Der paraguayische Regisseur Marcelo Martinessi porträtiert in dem Film "Die Erbinnen" das lesbische Liebespaar Chiquita und Chela. "Die Erbinnen" lief bei der diesjährigen Berlinale im Wettbewerb – als erster Film aus Paraguay überhaupt.

Der Reichtum vergangener Tage

Eine Villa in Paraguays Hauptstadt Asuncion, gut bestückt mit edlen Kristallgläsern, teurem Porzellan, antikem Mobiliar. Der Reichtum vergangener Tage dämmert hier im Halbdunkel vor sich hin, begutachtet von wechselnden Interessentinnen.

Die beiden älteren Damen des Hauses müssen ihr Tafelsilber verkaufen, weil sie überschuldet sind. Chiquita wandert dafür ins Gefängnis. Chela bleibt alleine zu Hause zurück. Ausgerechnet sie, die Lebensuntüchtige der beiden, die keinen Führerschein hat und sich alleine kaum aus dem Haus wagt. Hilfe von Freunden möchte sie trotzdem nicht annehmen.

Kinostart 29.11. Die Erbinnen von Marcelo Martinessi

Chela (Ana Brun) und Chiquita (Margarita Irún) sind schon seit vielen Jahren ein Paar und der Alltagstrott hat die Rollen innerhalb der Beziehung erstarren lassen. (Foto: GrandFilm -)
Chela (Ana Brun) und Chiquita (Margarita Irún) sind schon seit vielen Jahren ein Paar und der Alltagstrott hat die Rollen innerhalb der Beziehung erstarren lassen. GrandFilm - Bild in Detailansicht öffnen
Während Chela die Tage meist mit Malerei verbringt, organisiert Chiquita das gemeinsame Leben und kümmert sich um alles Essentielle. GrandFilm - Bild in Detailansicht öffnen
Die finanzielle Lage der beiden ist jedoch besorgniserregend und so sind sie gezwungen, ihr einst geerbtes Mobiliar an wohlhabende Damen aus der Nachbarschaft zu verkaufen. GrandFilm - Bild in Detailansicht öffnen
Als auch dieses Geld nicht mehr ausreicht, um die Schulden zu bezahlen, muss Chiquita in Ersatzhaft. GrandFilm - Bild in Detailansicht öffnen
Chela ist nun erstmals auf sich selbst gestellt und versucht sich ihren Unterhalt zu sichern, in dem sie in ihrem alten Mercedes Taxifahrten anbietet. GrandFilm - Bild in Detailansicht öffnen
Hauptsächlich fährt sie ältere Damen aus der Nachbarschaft, fühlt sich dabei jedoch nie wohl. GrandFilm - Bild in Detailansicht öffnen
Alles ändert sich, als sie auf einer Fahrt die junge Angy (Ana Ivanova) kennenlernt. Chela wird durch die lebensfrohe Frau aus ihrer Passivität gelockt. GrandFilm - Bild in Detailansicht öffnen
Chela (Ana Brun) entdeckt ihre Sehnsüchte neu und lebt im Zwiespalt zwischen zwei Frauen. GrandFilm - Bild in Detailansicht öffnen

Langjährige Zweisamkeit und neue Liebe

Der paraguyanische Regisseur Marcelo Martinessi porträtiert in seinem Langfilmdebüt das lesbische Liebespaar mit zartem Pinselstrich. Traurig schauen die Frauen jedem Erinnerungsstück nach, das hinausgetragen wird.

Kleine Gesten zeigen, wie lange die beiden schon zusammenleben. Geredet wird nicht mehr viel. Als Chiquita im Gefängnis ist, beginnt Chela, in ihrem alten Mercedes die Damen der Nachbarschaft zu chauffieren. Sie findet Gefallen an der ungewohnten Aktivität und verliebt sich außerdem noch in die deutlich jüngere, aufregend schöne Angy.

Plötzliches Gefühl von Freiheit

Der Aufbruch in die Selbständigkeit, das plötzliche Gefühl der Freiheit, das Entdecken des eigenen Begehrens werden im Film sehr leise erzählt. Es sind Mikrobewegungen der Veränderung, die die Kamera einfängt. Doch für Chela sind es Welten.

Arm und reich klaffen in Paraguay weit auseinander. Als Angehörige der Oberschicht musste sie nie arbeiten. Die selbstverständlichen Annehmlichkeiten wie das Dienstmädchen und das eigene Auto haben sogar den sozialen Abstieg überlebt.

Chela ist nun erstmals auf sich selbst gestellt und versucht sich ihren Unterhalt zu sichern, in dem sie in ihrem alten Mercedes Taxifahrten anbietet. (Foto: GrandFilm -)
Chela (Ana Brun) GrandFilm -

Geldverdienen als Akt der Emanzipation

Der Film macht sich über diese Abgehobenheit nicht lustig. Vielmehr schildert er Chelas Entscheidung, zum ersten Mal ihr eigenes Geld zu verdienen, als großen Akt der Emanzipation. Auch wenn Chiquita im Gefängnis darüber verständnislos den Kopf schüttelt.

"Die Erbinnen" lässt sich als einfühlsame Charakterstudie lesen, gleichzeitig aber auch als Bild von Paraguay. So wie im Film viele Szenen im Halbdunkel spielen, so liegt das Land nach der langen Militärdiktatur im Dämmerschlaf.

Großartiges Frauenensemble

Nur langsam treten die Menschen aus diesem langen Schatten heraus, wagen sich nach Jahrzehnten der Finsternis ins Leben zurück. Für seinen Film hat Martinessi ein wunderbares Frauenensemble zusammengebracht. Allen voran Ana Brun in der Hauptrolle. Bei der diesjährigen Berlinale gewann sie für ihre Darstellung den Silbernen Bären.

Männer kommen in diesem Film nur ganz am Rande vor. Es ist ein rein weiblicher Kosmos, den der Regisseur mit viel Empathie erforscht. Am Ende wird Chela ihrem goldenen Käfig entfliehen. Die Zukunft erscheint auf einmal weit offen.

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