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Nach Jahren der Abwesenheit kehrt ein junger Mann in seinen Heimatort zurück. Er besucht seine Familie, plant seine Zukunft, trifft alte Freunde und Bekannte, eine Ex-Liebe, aber auch den Bürgermeister und einen Verleger, die ihm nützlich sein können, um Schriftsteller zu werden.

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Heimkehrergeschichte

Eine Heimkehrer-Geschichte: Sinan hat Literatur studiert und möchte Schriftsteller sein. Gerade hat er ein erstes Buch fertiggestellt. Es gibt diesem Film den Titel. Jetzt kehrt er in seine Heimatstadt in der Provinz südwestlich von Istanbul zurück und zieht in sein altes Kinderzimmer ein.

The Wild Pear Tree von Bilge Ceylan (Foto: Pressestelle, Morteza Atabaki)
Sinan (Aydın Doğu Demirkol) ist Grundschullehrer, träumt aber seit jeher davon, als Schriftsteller erfolgreich zu werden. Pressestelle Morteza Atabaki Bild in Detailansicht öffnen
Mit dem Plan, Geld für die Veröffentlichung seines ersten Romans zu sammeln, kehrt Sinan zurück in seine Heimatstadt. Pressestelle Morteza Atabaki Bild in Detailansicht öffnen
Dort ist allerdings nichts mehr, wie es einmal war: Sein Vater ist dem Glücksspiel verfallen und hat den ganzen Wohlstand der Familie verspielt. Pressestelle Morteza Atabaki Bild in Detailansicht öffnen
Jetzt muss Sinan sich nicht nur mit frustrierten Jugendfreunden herumschlagen, sondern auch mit seiner überlasteten Mutter und ungeduldigen Schuldeneintreibern. Pressestelle Morteza Atabaki Bild in Detailansicht öffnen
Sinan gerät in einen Gewissenskonflikt, der ihn immer mehr abstumpfen lässt. Pressestelle Morteza Atabaki Bild in Detailansicht öffnen

Unsichere Zukunft

Sinans Stimmung schwankt zwischen Stolz und Arroganz gegenüber seiner Umwelt und offener Unsicherheit. Denn wo und wie kann er das Buch veröffentlichen? Und wer will es lesen? Wie soll es überhaupt mit ihm weitergehen? Es ist ein Moment des Innehaltens, der ersten Bilanz und der Orientierung, den Nuri Bilge Ceylan ins Zentrum seines neuen Spielfilms stellt.

Film im Stil eines Tschechow-Stücks

Einmal mehr erzählt der große türkische Regisseur vom Nachhausekommen eines „verlorenen Sohns“, das Aufeinanderprallen von einfacher ländlicher Welt und ihren Menschen mit einem modernen, „entfremdeten“ städtischen Bewusstsein. In gleichmäßigem, ruhigem Tempo reiht Ceylan lange Konversationsszenen aneinander.

Natur als Kontrast zum menschlichen Treiben

Jedes Gespräch hat ein Thema, alles ist notwendig und von Ernst grundiert, zugleich voller absurdem Humor. Der Aufbau des Films ist episodenhaft, Drama und Gefühlsausbrüche sind konsequent ausgesperrt. Zwischen den Gesprächen liegen Ortswechsel und Landschaftsansichten, nicht selten prachtvoll von Sonnenlicht durchflutete Idyllen. Naturschönheit bildet den utopischen Kontrast zum menschlichen Treiben.

„Bildung ist großartig, aber wir sind in der Türkei“

Seine politische Position macht Ceylan in diesem Film übrigens klarer, denn je: „Bildung ist großartig, aber wir sind in der Türkei" sagt eine Figur. Am Telefon spricht Sinan mit einem Freund, der Literatur studierte, aber jetzt bei einer Spezialeinheit der Polizei Proteste bekämpft: „Jeden, den wir sehen, schlagen wir zusammen" konstatiert der Feingeist nüchtern, und verkörpert damit die Widersprüche eines ganzen Landes.

Sehnsucht nach dem Anderen

„Der wilde Birnbaum“ ist eine komplexe Reflexion über die Künstlerexistenz, die diese nicht idealisiert, sondern zwischen Pragmatismus und Berechnung, Arroganz und Überdruss, Leiden an der Heimat und Sehnsucht nach dem Anderen verortet.

Zugleich unternimmt Ceylan eine weitere kulturelle Introspektion des Türkischen: in Gesprächen wird darauf hingewiesen, dass die Provinz Çanakkale, in der alles spielt, sowohl die Gegend war, in der einst das antike Troja stand, als auch, wo im Ersten Weltkrieg die blutige Schlacht von Gallipoli tobte — die das Ende des Osmanischen Reiches besiegelte.

Zwischen Ironie und Melancholie

Während der Zeitspanne des Films erleben wir die Desillusionierung der Hauptfigur. Am Ende ist sein Buch gedruckt, in einer kleinen Auflage. Doch keiner liest es. Fast alle Exemplare liegen originalverpackt in Stapeln in Sinans Zimmer. Seine Familie sucht Ausreden — man komme schließlich kaum zum Lesen. Da scheint die Haltung des Regisseurs zwischen Ironie und Melancholie noch einmal auf. Wie es mit Sinan am Ende weitergeht, bleibt offen.

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