Filmkritik: "Der Vorname" von Sönke Wortmann Unser Sohn soll Adolf heißen!

Von Julia Haungs

Kaum eine Frage an werdende Eltern ist heikler als die nach dem Namen für den Nachwuchs. Doch was passiert, wenn das Kind "Adolf" heißen soll? In Sönke Wortmanns neuem Film "Der Vorname" laufen Christoph Maria Herbst, Florian David Fitz und Caroline Peters zur Höchstform auf.

Kalkulierter Eklat im linksliberalen Bildungsbürgertum

Bei einer Essenseinladung verkündet Thomas der Familie seiner Schwester, dass er den ungeborenen Sohn Adolf nennen möchte. Es folgt der vorauszusehende Eklat. Schließlich bewegt man sich im linksliberalen Bonner Bildungsbürgertum, wo ein Rest der alten BRD weiterlebt: Hausherr Stefan ein selbstverliebter Germanistikprofessor, immer bereit, andere zu belehren. Seine Frau Elisabeth, eine warmherzige Gymnasiallehrerin, ihr bester Freund René, ein sanftmütiger Klarinettist: Alles rundum kultiviert, tolerant und weltoffen.

Darf man das?

Für seine filmische Adaption des Theaterstücks "Le Prénom" versetzt Regisseur Sönke Wortmann die Handlung aus der Pariser Bourgeoisie ins deutsche Gutbürgertum.

Mit Anspielungen auf die AfD und die Flüchtlingskrise dockt er an aktuelle Diskurse an. Das wirkt manchmal etwas bemüht. Auch wenn das Tabu des Stücks, einem Kind den Vornamen Adolf zu geben, in Deutschland natürlich deutlich mehr Sprengkraft besitzt als in Frankreich.

Kinostart 18.10. "Der Vorname" von Sönke Wortmann

Stephan Berger (Christoph Maria Herbst) ist Germanistikprofessor und ist sich seines guten Rufes durchaus bewusst, was er seine Mitmenschen gerne spüren lässt. Er ist wenig begeistert von der Idee, de (Foto: Constantin Film -)
Stephan Berger (Christoph Maria Herbst) ist Germanistikprofessor und ist sich seines guten Rufes durchaus bewusst, was er seine Mitmenschen gerne spüren lässt. Er ist wenig begeistert von der Idee, den Bruder seiner Frau einzuladen. Constantin Film - Bild in Detailansicht öffnen
Doch die Diskussion über den Namen ist nur der Startschuss für eine viel tiefergehende Auseinandersetzung. Constantin Film - Bild in Detailansicht öffnen
Binnen kürzester Zeit verwirft die Runde jedes Anstandsgebot und feindet sich offen an. Eitelkeiten werden ausgespielt Egos geraten aneinander und Niegesagtes findet Raum. Zwischen den fünf Personen kommt es zum Eklat, bei dem so manche Leiche aus dem Keller zum Vorschein tritt. Constantin Film - Bild in Detailansicht öffnen
"Der Vorname" ist ein Remake der französischen Komödie "Le Prénom", die jedoch keinesfalls eins zu eins übernommen wurde. Vieles wurde umgeschrieben und angepasst. Regisseur Sönke Wortmann ist über die französische Vorlage dankbar: „Hätte die Idee ihren Ursprung in Deutschland gehabt, wäre sie vermutlich zu ausführlich diskutiert worden und es hätte große Vorbehalte gegen eine Verfilmung gegeben. Ich denke, dieser Push aus Frankreich war wichtig, um den Stoff nun auch dem deutschen Kinopublikum präsentieren zu können" SWR - Bild in Detailansicht öffnen

Streit über den Vornamen als Eröffnungsgefecht

Der Streit über den Vornamen ist nur das Eröffnungsgefecht einer weit größeren Zimmerschlacht. Denn so wie der öffentliche Diskurs in diesen politisch aufgeladenen Zeiten immer schneller eskaliert, so dünn erweist sich der Firnis der Zivilisation auch in diesem doch eigentlich so kultivierten, familiären Umfeld.

Bald zerren die Beteiligten jahrzehntelang gehütete Familiengeheimnisse ans Tageslicht, giften sich gegenseitig unangenehme Wahrheiten ins Gesicht und legen die Schwächen der anderen bloß.

Stephan Berger (Christoph Maria Herbst) ist Germanistikprofessor und ist sich seines guten Rufes durchaus bewusst, was er seine Mitmenschen gerne spüren lässt. Er ist wenig begeistert von der Idee, de (Foto: Constantin Film -)
Germanistikprofessor Stephan Berger (Christoph Maria Herbst) in seinem Element Constantin Film -

Christoph Maria Herbst als Bildungsspießer im Cordanzug

Die Schauspieler, alle geübte Komödianten, sind mit großer Spielfreude bei der Sache. Christoph Maria Herbst gibt den Bildungsspießer im Cordanzug mit verkniffener Bissigkeit, und Caroline Peters als seine immer auf Ausgleich bemühte Gattin läuft in einem furiosen Wutanfall zu Höchstform auf.

Florian David Fitz spielt ihren Bruder, den neureichen Schnösel Thomas mit hintergründigem Witz und fiesem Schnauzbart.

Großartige Schauspieler gleichen Schwächen des Drehbuchs aus

Mit seinem Spiel gleicht das großartige Ensemble manche Schwäche des Drehbuchs aus. Dieses schraubt die Konflikte zwar in immer absurdere Höhen, die Witze kommen aber doch zu oft mit Ansage angetuckert. Streckenweise könnte man fast jeden zweiten Satz im Drehbuch streichen, weil jeder Ausruf vom Gegenüber erst einmal als empörte Gegenfrage wiederholt wird.

Es geht weiter - und zwar genauso

Zum Ende, als fast alles, was die Familie zusammengehalten hat, in Scherben liegt, schlägt Wortmann überraschend versöhnliche Töne an. Ein Blick in den Abgrund muss genügen, dann ziehen sich alle wieder auf vermeintlich sicheres Terrain zurück.

Aber auch das entspricht ja dem Zeitgeist: nach jedem "ein Weiter so darf es nicht geben", geht es weiter. Und zwar genauso.

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