Film „Das melancholische Mädchen“- ein modernes Gedicht im Kino

Von Rüdiger Suchsland

Den diesjährigen Festival Max-Ophüls-Preis gewann ein Film, der von vielen als Schlag ins Gesicht des konventionellen Kinos empfunden wurde. „Das melancholische Mädchen“ von Susanne Heinrich erforscht in 15 absurden Begegnungen unsere postmoderne, neoliberale Waren-Gesellschaft. Am 27. Juni kommt „Das melancholische Mädchen“ in die Kinos.

Eine junge Frau in der Krise. Und auf der Suche. Sie sucht alles: Eine Wohnung. Einen Mann. Sinn in ihrem Leben. Sie ist Schriftstellerin, dummerweise leidet sie gerade unter einer Schreibblockade.

Eher Gedicht als Film 

Wenn man das so erzählt, könnte man glauben, „Das melancholische Mädchen“ sei ein ganz normaler Film. Mit einer Figur, mit der man sich identifizieren kann, die ein Problem hat, das sich im Lauf des Films löst oder verwandelt.

Das trifft irgendwie auch alles zu, und stimmt doch überhaupt nicht. Denn dieser Film ist eher wie ein Gedicht. Ein modernes Gedicht, das sich reimen kann, aber nicht muss, das Sinn ergibt, aber nicht immer, das Banales mit Tiefsinnigem paart.

Kinostart 27.6. Das melancholische Mädchen von Susanne Heinrich

Marie Rathscheck spielt das melancholische Mädchen. (Foto: Salzgeber Verleih -)
Das melancholische Mädchen (Marie Rathscheck) wandert durch die Großstadt und sucht nach ihrem Platz in der Welt. Salzgeber Verleih - Bild in Detailansicht öffnen
Ihr Versuch, ein Buch zu schreiben, scheitert bereits beim ersten Satz des zweiten Kapitels. Salzgeber Verleih - Bild in Detailansicht öffnen
Und auch mit Yoga-Studios kann sie sich nicht so recht anfreunden. Salzgeber Verleih - Bild in Detailansicht öffnen
Kurrzeitig findet das melancholische Mädchen Unterschlupf bei einem Existenzialisten, für den Sex "auch nur noch ein Markt" ist. Salzgeber Verleih - Bild in Detailansicht öffnen
Dann jedoch wartet das melancholische Mädchen in einer Drag-Bar auf das Ende des Kapitalismus. Salzgeber Verleih - Bild in Detailansicht öffnen
Statt sich dem Leben in der Großstadt anzupassen, fängt das Mädchen an, ihre Depression als Politikum zu betrachten. Salzgeber Verleih - Bild in Detailansicht öffnen

Dieser Film kommentiert sich selbst 

Vieles bleibt dem Zuschauer überlassen, dieser Film ist ganz und gar selbstreflexiv, steht gewissermaßen während er läuft auch neben sich, kommentiert sich durch seine Figuren, oder stellt sich infrage. 

Marie Rathscheck als das melancholische Mädchen. (Foto: Salzgeber Verleih -)
In einer Drag-Bar wartet das melancholische Mädchen auf das Ende des Kapitalismus. Salzgeber Verleih -

 

Namenlose Hauptfigur auf der Reise

Die Berliner Regisseurin Susanne Heinrich schickt ihre Figur, die den ganzen Film über namenlos bleibt, zu diversen Liebhabern. In Bars und Clubs, zum Psychotherapeuten, zur Arbeit, oder auch in einen ziemlich absurden Mutter-Kind-Kurs.  

Witziger, virtuoser Erzählstil  

Dieser Stil ist sehr witzig, und sehr sinnlich, geradezu virtuos in seiner Vielfalt und Souveränität- Es gibt Passagen, die choreographiert sind wie ein Ballett, andere, die aus einer Inszenierung der Berliner Volksbühne stammen könnten, und eine, die aus einer minutenlangen Animation besteht. Die Dialoge sind oft Montagen aus Texten, die im Kino einen grotesken Humor entfalten.

Marie Rathscheck als das schüchterne Mädchen. (Foto: Salzgeber Verleih -)
Marie Rathscheck (re.) als das melancholische Mädchen im Mutter-Kind Kurs. Salzgeber Verleih -

Rebellische Studenten an der Berliner Filmhochschule 

Regisseurin Susanne Heinrich gehörte zum Kern jener Studenten-Gruppe, die 2016 an der Berliner Filmhochschule DFFB gegen die von der Politik aufoktroyierten neuen Direktorenkandidaten rebelliert hatte.

Radikales Autorenkino gegen den Mainstream

Wenn man diesen Film gesehen hat, versteht man, dass der Max-Ophüls-Preis 2019 auch ein Preis für die alte DFFB-Tradition und ihre freigeistige Art des Filmemachens ist. Dieses radikale Berliner Autorenkino, für das Namen wie Harun Farocki oder Christian Petzold stehen, ist der deutschen Filmkulturbürokratie nicht kommerziell genug, und daher unerwünscht.

Wider den Optimierungswahn 

Worum es in ihrem Film am Ende vor allem geht: Die vom Optimierungswahn kolonisierte, und zunehmend schematisierte Lebenswelt unserer Setzkasten-Gesellschaft und die sehr fein durchstrukturierte neoliberale Warenwunderwelt.

Deren Kälte setzt "Das melancholische Mädchen" eine Mischung aus kühler Analyse und wohltemperiertem Humor entgegen. Dieser Film will gefallen, aber nicht um jeden Preis. Er stellt sich nicht aus, geht nicht für Publikum und Geldgeber auf den Strich, wie so viele andere. Egal was man über diesen Film sonst noch sagen könnte: Er ist immer schon ein bisschen weiter.

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