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„Das Ereignis“ von Audrey Diwan: Ein Plädoyer für weibliche Selbstbestimmung

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AUTOR/IN
Julia Haungs

Mit 23 Jahren wurde die französische Autorin Annie Ernaux in den 1960er Jahren ungewollt schwanger und trieb heimlich ab. Verarbeitet hat Ernaux das 2000 in ihrem Roman „Das Ereignis“. Die französische Regisseurin Audrey Diwan hat den Stoff verfilmt und damit beim Festival von Venedig letztes Jahr den Goldenen Löwen gewonnen. Es ist ein harter, aber nie voyeuristischer Film und ein Plädoyer für weibliche Selbstbestimmung.

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Eine Krankheit, die nur Frauen trifft

„Das Ereignis“ ist für die Studentin Anne das Schlimmste, was einer jungen, unverheirateten Frau 1963 passieren kann: Sie ist schwanger. Im erzkatholischen Frankreich ist klar: mit einer Schwangerschaft wäre Annes erfolgreiches Literatur-Studium kurz vor dem Abschluss beendet. Und damit auch der Traum einer akademischen Karriere. Für die begabte 23-Jährige ist das keine Option. Sie stammt aus kleinen Verhältnissen und hat es zum Stolz ihrer Eltern an die Uni geschafft. Sie will das Kind auf keinen Fall behalten.

Filmstill (Foto: © 2021 PROKINO Filmverleih GmbH)
Die Freundinnen Brigitte (Louise Orry-Diquéro), Hélène (Luàna Bajrami) und Anne (Anamaria Vartolomei) träumen von einem selbstbestimmten Leben. © 2021 PROKINO Filmverleih GmbH Bild in Detailansicht öffnen
Anne ist eine begabte Literaturstudentin, die eine vielversprechende Zukunft vor sich hat. © 2021 PROKINO Filmverleih GmbH Bild in Detailansicht öffnen
Als sie schwanger wird, sieht sie ihre Chancen schwinden, ihr Studium zu beenden und sich aus den Zwängen ihrer sozialen Herkunft befreien zu können. Die Wochen verstreichen, die Abschlussklausuren stehen an. © 2021 PROKINO Filmverleih GmbH Bild in Detailansicht öffnen
Anne entscheidet, ganz auf sich allein gestellt, zu handeln, auch wenn sie dabei riskiert, ins Gefängnis zu kommen. Sie möchte unter keinen Umständen ihren Traum von einem selbstbestimmten Leben aufgeben müssen. © 2021 PROKINO Filmverleih GmbH Bild in Detailansicht öffnen
Ein Kind würde für Anne das Ende ihrer beruflichen Ambitionen als Schriftstellerin bedeuten. © 2021 PROKINO Filmverleih GmbH Bild in Detailansicht öffnen
„Ich kam aus dem Screening von „Das Ereignis“ und war sehr bewegt. Das Einzige, was ich zu Audrey Diwan sagen konnte, war: ‚Du hast einen wirklich wahrhaftigen Film gedreht: Er behauptet nichts, verurteilt niemanden und neigt nicht zur Dramatisierung dessen, was damals geschah‘“, sagt Annie Ernaux, auf deren autobiographischem Buch „Das Ereignis“ mit Anamaria Vartolomei (li.) in der Hauptrolle basiert. © 2021 PROKINO Filmverleih GmbH Bild in Detailansicht öffnen

Rennen gegen die Zeit

Regisseurin Audrey Diwan erzählt „Das Ereignis“ als Rennen gegen die Zeit: Jede neue Schwangerschaftswoche bringt die werdende Mutter dem Abgrund ein Stück näher. Hauptdarstellerin Anamaria Vartolomei spielt Anne mit großer Entschlossenheit. Eine einsame Kämpferin, die sich nicht mit ihrem Schicksal abfinden will. Mit zunehmender Verzweiflung versucht Anne, den Fötus loszuwerden. Sie traktiert sich selbst mit Spritzen und Stricknadeln. In der zwölften Schwangerschaftswoche landet sie schließlich bei einer Frau, die zu Hause heimliche Abtreibungen durchführt.

Doppelmoral der französischen Gesellschaft

Mit analytischem Blick legt „Das Ereignis“ die Doppelmoral der französischen Gesellschaft offen: seien es die besten Freundinnen, die sich entsetzt von Anne abwenden, obwohl sie doch am eigenen Begehren fast zu ersticken drohen oder die Jungs, die zwar alle Sex wollen, sich für die Konsequenzen aber nicht zuständig fühlen.

So wie Annie Ernauxs Romanvorlage aus der Ich-Perspektive erzählt ist, schaut auch der Film aus Annes Augen auf das Geschehen. Die Kamera bewegt sich synchron in ihrem Rhythmus, der Bildausschnitt ist meist identisch mit Annes Blickfeld. Die dezidiert weibliche Perspektive ist die Stärke dieses harten, aber nie voyeuristischen Films.

Eine weibliche Selbstbehauptung und ein Plädoyer nicht nur für das Recht am eigenen Körper, sondern für sexuelle Selbstbestimmung, weibliche Lust und den Anspruch aufs eigene Glück.

Der Trailer zu „Das Ereignis“ von Audrey Diwan, ab 31.3. im Kino:

Buchkritik Annie Ernaux – Das Ereignis

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