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„Crimes of the Future“: David Cronenberg entwirft eine dystopische Welt ohne Schmerzen

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AUTOR/IN
Rüdiger Suchsland

„Bodyhorror" - dieses Wort steht wie kein zweites für das Werk des kanadischen Regisseurs David  Cronenberg. In seiner neuen ebenso verstörenden wie sinnlichen Science-Fiction-Fantasy hat er einen hochkarätigen Cast versammelt. Viggo Mortensen, Léa Seydoux und Kristen Stewart erzählen von einer dystopischen Welt, in der es keine Schmerzen gibt, dafür künstliche Organe, die Geschwüren gleichen und in der der menschliche Körper zum Objekt schräger Kunstperformances geworden ist.

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Mutierte menschliche Körper

Das so genannte „Syndrom der beschleunigten Evolution" im neuen Film von David Cronenberg führt dazu, dass sich die menschlichen Körper auf bizarre Weise verändern und manchmal abstoßend aussehen. Und in einigen Fällen können Mutationen sogar ihre Fähigkeit, ein normales Leben zu führen, beeinträchtigen.

Die Hauptfigur Saul leidet an genau diesem Syndrom. In seinem Körper haben sich Organe gebildet, die der Wissenschaft unbekannt sind und deren Funktionsweise nicht sehr gut untersucht ist.

Während sich manche Menschen Ohren an ihren Körper nähen und mit ihm an der Schnittstelle zwischen Ballett und Hip-Hop tanzen, müssen sich andere öffentlichen Operationen unterziehen - zur Unterhaltung des Publikums werden Organe aus ihrem Körper entfernt.

Filmstill (Foto: Weltkino Filmverleih)
Die Hauptfigur Saul Tenser (Viggo Mortensen) ist ein angesehener Performancekünstler, der sich in Live-Shows neue Organe, die sein Körper generiert, herausoperieren lässt. Weltkino Filmverleih Bild in Detailansicht öffnen
Die Leiter der Organ-Registrierungsbehörde Timlin und Wippet, gespielt von Kristen Stewart und Don McKellar sind klassische Karriere-Bürokraten und müssen den Performancekünstler Saul kontrolieren. v.l.n.r. Timlin (Kristen Stewart), Cope (Welket Bungué) und Wippet (Don McKellar) Weltkino Filmverleih Bild in Detailansicht öffnen
Timlin (Kristin Stewart) ist anfangs eher zurückhaltend, verliert aber schließlich die Kontrolle über ihr diszipliniertes Auftreten. Weltkino Filmverleih Bild in Detailansicht öffnen
Caprice (Léa Seydoux) ist Sauls Partnerin und eine ehemalige Unfallchirurgin, die ihm einst das Leben gerettet hat. v.l.n.r. Timlin (Kristen Stewart) und Caprice (Léa Seydoux) Weltkino Filmverleih Bild in Detailansicht öffnen
Die Entwicklung von CRIMES OF THE FUTURE begann bereits vor über 20 Jahren. David Cronenberg schrieb das Script ursprünglich schon im Jahr 1999, legte es aber zwei Jahrzehnte zur Seite, bis er sich entschied, dass jetzt der richtige Moment gekommen war, um den Film zu machen. v.l.n.r. Timlin (Kristen Stewart), Saul Tenser (Viggo Mortensen), Wippet (Don McKellar) und Caprice (Léa Seydoux) Weltkino Filmverleih Bild in Detailansicht öffnen
„CRIMES OF THE FUTURE ist eine Betrachtung der menschlichen Evolution. Dabei geht es vor allem um die Art, in der wir gezwungen waren, die Kontrolle über diesen Prozess zu übernehmen, weil wir eine so mächtige Umwelt erschaffen haben, die zuvor nicht existierte“, so Regisseur David Cronenberg über seinen Film. Weltkino Filmverleih Bild in Detailansicht öffnen

Schmerzen existieren nicht mehr bei David Cronenberg

In Cronenbergs Fantasiewelt gibt es keinen Schmerz mehr und auch kein Vorwärtskommen. Gesellschaft und Kultur stagnieren. Das Haupthobby der neuen Menschen ist es, sich gegenseitig auf subtile Art und Weise zu verstümmeln - da sie keinen Schmerz mehr empfinden, ist dieser Vorgang seltsam lustvoll.

Trotz seiner futuristisch anmutenden Optik fällt es schwer, den Film als eine Geschichte über die Zukunft selbst zu sehen. Die ganze Umgebung atmet buchstäblich einen Hauch von muffiger altmodischer Welt. Das Höchste, was der kanadische Meisterregisseur im Jahr 2022 vorweisen kann, ist das Vorhandensein erstaunlicher Computergrafiken und stilvoller visueller Effekte im Bild.

Schwaches Drehbuch, glänzender Cast

Die Dialoge und das Drehbuch insgesamt sind ein weiteres schwaches Element des Films. Die Charaktere sind nicht entwickelt, die Mimik ist unbeholfen. Dennoch verdienen die Schauspieler ein uneingeschränktes Lob. Sowohl Viggo Mortensen als auch Lea Seydoux und Kristen Stewart, die später zum Tandem stößt, geben alles - so gut sie es unter diesen Umständen können.

Das Gesamtergebnis ist daher ein beunruhigender, vor allem ein schräger Film, sehr fremd für die einen und wunderbar für die Fans, herausfordernd für uns alle die wir dank Cronenbergs Kino unsere Existenz als die von ewigen Mutanten zu verstehen gelernt haben.

Trailer „Crimes of the Future“, ab 10.11. im Kino

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