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Zwangsarbeit, Folter, Missbrauch – die Doku-Serie „Colonia Dignidad“ schildert den Alltag in der einstigen „Colonia Dignidad“ in Chile. Die sogenannte „Kolonie der Würde“ war das Zentrum der Sekte des selbst ernannten Predigers Paul Schäfer. Er diktierte den Alltag seiner Untergebenen und missbrauchte Knaben. Während der Pinochet-Diktatur wurden hier politische Gefangene gefoltert.

Dauer
Sendedatum
Sendezeit
6:00 Uhr
Sender
SWR2
Die Sekte Colonia Dignidad in Chile (Foto: LOOKSfilm)
Die Sekte Colonia Dignidad in Chile. Der selbst ernannte Prediger Paul Schäfer aus Bonn schart im Nachkriegsdeutschland Anhänger um sich – es sind Menschen auf der Suche nach Frieden, Hoffnung und Wohltätigkeit. 1961, im Schatten des Kalten Krieges, wandert die Gemeinschaft nach Chile aus. LOOKSfilm

Menschenfänger Paul Schäfer

Die rund 300 Sektenmitglieder hatten Paul Schäfer seit 1961 offensichtlich nicht nur ihr Privatvermögen, sondern auch ihre Seelen verschrieben. Ihr Gründer und unumstrittener Herrscher Paul Schäfer ist der Fixpunkt dieser erdrückenden, schockierenden „Innenansichten“. Man sieht ihn, der Filmaufnahmen gemieden hat, nur auf Fotos oder kurzen Sequenzen, umgeben von sieben- bis zwölfjährigen Jungs.

Paul Schäfer war für die Menschen in der Kolonie der Mittelpunkt des Universums. Er wurde wie ein Gott verehrt. (Foto: LOOKSfilm)
Paul Schäfer war für die Menschen in der Kolonie der Mittelpunkt des Universums. Er wurde wie ein Gott verehrt. Er, der in Deutschland wegen Kindesmissbrauch gesucht wird, etabliert in Chile ein rigides System: Er zerstört Familien und lässt sein Anhänger bis tief in die Nacht arbeiten und beten. Jeder Widerstand wird im Keim erstickt. LOOKSfilm

Gehorsam trotz Kindesmissbrauch, Waffenschmuggel, Folter

Warum sind so viel gebildete erwachsene Menschen diesem Menschenfänger gefolgt - auch als der Missbrauch der Jungen immer offensichtlicher wurde, als Waffen geschmuggelt und selbst hergestellt wurden, als später gar Folter und Mord von politischen Gefangenen der rechtsnationalen Pinochet-Diktatur hinzukam? Erklärungen muss man sich selbst suchen: Scham vielleicht, immer noch Angst.

Günter Schaffrik verbrachte seine Kindheit in der Colonia Dignidad. (Foto: LOOKSfilm)
Günter Schaffrik verbrachte seine Kindheit in der Colonia Dignidad. LOOKSfilm

Der Schatz des Films sind Bilder und Interviews aus dem Inneren der Sekte

Die Dokumentation präsentiert keine bislang unbekannten Fakten. Ihr Schatz sind die Bilder und Interviews, die tatsächlich aus dem Inneren dieser Sekte kommen, bei denen sich die Filmemacher aber auch fragen lassen müssen, ob sie verantwortungsvoll genug damit umgegangen sind.

Tanzen und alle Festtage wurden von Paul Schäfer in der Colonia Dignidad verboten, um Beziehungen und feste Kontakte zu verhindern. (Foto: LOOKSfilm)
Tanzen und alle Festtage wurden von Paul Schäfer in der Colonia Dignidad später verboten, um Beziehungen und feste Kontakte zu verhindern. LOOKSfilm

Es entsteht der Eindruck von Paul Schäfer als einsamer Schreckensherrscher

Denn trotz allen Leids sprechen dem Anschein nach vor allem Kinder von Funktionären und ehemalige Vertraute Schäfers, weniger die einfachen Bewohner oder chilenischen Diktatur-Opfer. Es entsteht der Eindruck: Paul Schäfer war ein einsamer Schreckensherrscher, alle anderen mehr oder weniger seine Gefangenen.

Wer von der Sekte profitierte, bleibt in der Schwebe

Auch wenn die Grenzen zwischen möglichen Tätern und Opfern schwimmend verlaufen dürften: es wäre wichtig gewesen zu benennen, wer damals und heute von der Sekte und ihrer Nachfolgeorganisation profitierte, die immer noch besteht und auf dem Gelände eine Art touristischen Betrieb unterhält.

Die Dokumentation läuft somit Gefahr, eine Lesart zu verbreiten, die früheren Mittätern und ihren Nachkommen entgegenkommt und die einer echten Aufarbeitung der historischen Schuld entgegenwirkt.

Teil 1 der Dokumentation:

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