Filmkritik: „Climax“ von Gaspard Noé Ein 90-minütiger Musik-Video-Clip

Von Rüdiger Suchsland

Der französische Regisseur Gaspard Noé ist ein Provokateur, seine Filme wollen irritieren, erschüttern. Sein neuester Film "Climax", der bei den Filmfestspielen von Cannes Premiere hatte, ist obsessives, kurzweiliges Körperkino.

Bleu, Blanc, Rouge

Relativ früh in diesem Film sieht man die französische Flagge. Bleu Blanc Rouge, Blau Weiß Rot - auf dem Rot bleibt die Kamera haften, vielleicht weil das Rot für Brüderlichkeit steht, und lässt es übergehen in das Rot des Bodens eines Dancefloors.

Hier übt eine Tanz-Compagnie eine Aufführung, und wir erleben die Generalprobe, eine glänzende Choreographie. Das Bild zeigt die Schönheit des Zusammenspiels, des Ineinander-Übergehens vieler Einzelheiten zu einem Ganzen.

Kino als Bewegungskunst

Es ist, könnte man sagen, die Schönheit der Gesellschaft, die hier aufgeführt wird. Dies geschieht mit Hilfe einer großartigen Kamera. Sie ist ein Akteur unter anderen, selbst wenn sie manchmal von der Decke herunter blickt wie ein Geist. Fast nie wird geschnitten, fast nie der ununterbrochene Fluss der Bewegung gestört.

Hier wird Kino als Bewegungskunst verstanden. Nicht als Meditation, sondern als transgressiver Maelstrom, der einen verführerischen Sog entfaltet. Dazu die Musik. "Climax" könnte man auch als einen einzigen, 90-minütigen Musik-Video-Clip beschreiben.

Soundtrack als Musikbibliothek der Pop- und Dancefloor Musik

Der Soundtrack ist eine Musikbibliothek für die Gebildeten unter den Jüngern der Pop- und Dancefloor Musik der letzten drei Jahrzehnte. Die Musik, die hier zu hören ist, ist manchmal stupide, aber manchmal ist sie großartig. Dies ist also einerseits ein hochunterhaltsamer Musikfilm. "La La Land" für Erwachsene.

Es ist aber noch viel mehr. Wer genau hinschaut, der erkennt die Richtung schon in den Verweisen der ersten Minuten. En passent hatte man da Bücher sehen können und Videokasetten. Sie alle haben mit Filmen der 70er Jahre zu tun. Sie mischen Filmkunst mit Genres, mit Horror und Psychothriller.

Kurz vor Beginn einer großen Tournee will ein Tanzensemble noch einmal richtig die Korken knallen lassen: bei einer großen Party sollen sich alle noch ein bisschen besser kennenlernen. (Foto: Alamode -)
Kurz vor Beginn einer großen Tournee will ein Tanzensemble noch einmal richtig die Korken knallen lassen: bei einer großen Party sollen sich alle noch ein bisschen besser kennenlernen. Alamode -

Enfant Terrible des französischen Kinos

Und dann das Blut auf dem Schnee. Die Verweise sind subtil, aber deutlich genug. Gaspard Noé ist spätestens seit seinem Schocker "Irreversible" vor bald 20 Jahren das Enfant Terrible ganz sicher des französischen und vermutlich sogar internationalen Kinos.

Der Regisseur weiß das auch. Und er spielt damit. Gerade darum ist "Climax" auch ein sehr spezielles Hochamt des Autorenkinos geworden.

Von der Tanzshow zum Inferno

Denn nach der Generalprobe wollen die Tänzer den Abschluss der Arbeit mit einer großen Party feiern, die die ganze Nacht dauern soll. Stunde für Stunde eskaliert sie, gerät aus dem Ruder, Drogen und Alkohol sind im Spiel. Aus der schönen Tanzshow wird ein Inferno, ein Totentanz, der auch wieder der der ganzen Gesellschaft ist.

Attacke auf naive Multikulti-Verehrung

Gaspard Noé versteht sich als Linksliberaler, trotzdem ist dies auch eine hart am politischen Tabubruch vorbeischrammende Attacke auf naive Multikulti-Verehrung. "Climax" hat bei den diesjährigen Filmfestspielen von Cannes viele internationale Journalisten und Profis begeistert.

Aber nicht ein einziger deutscher Kritiker der sogenannten Qualitätszeitschriften hat diesen Film in Cannes gesehen. Sie haben damit einen der besten und jedenfalls spannendsten Filme des Jahres verpasst.

Ästhetik des Schreckens

Es ist die Ästhetik des Schreckens, von der "Climax" handelt. Und so ist dieser Film ziemlich schrecklich, und zugleich ist er wunderschön. Jede Vorstellung, dass Tanz so etwas wie Befreiung, Utopie, die Rettung der Welt befördern könnte, wird hier ad absurdum geführt.

Ein apokalyptischer Abgesang auf eine Ära, auf eine Hoffnung, auf ein ganzes Land. Bleu Blanc Rouge: Rot, das ist nicht nur die Brüderlichkeit, es ist die Revolution, die Liebe, das Blut.

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