TV-Serie „Chernobyl“ – Opfer und Helden der Atomkatastrophe

Von Karsten Umlauf

Die Atomkatastrophe von Tschernobyl vom 26. April 1986 war der bisher schwerste Unfall in der Geschichte der Kernenergie. Die Explosion in Reaktor 4 setzte riesige Mengen von radioaktiver Strahlung frei, die weite Teile Russlands, Weißrusslands und der Ukraine verseuchten. 50 Menschen starben sofort, 4000 weitere an strahlungsbedingten Krebserkrankungen. Die fünfteilige Serie „Chernobyl“ (HBO und Sky) erzählt die schockierende Geschichte des Reaktor-Unglücks.

sdgs

Vertuschung der Wahrheit durch das autoritäre Regime

Der Tonfall der Serie „Chernobyl“ wird schon in den ersten Minuten gesetzt. Er ist düster, beklemmend und anklagend. Die von HBO und Sky gemeinsam produzierte Miniserie leitet ihren Spannungsverlauf zwar eigentlich aus der minutiösen Rekonstruktion des Reaktorunglücks her. Dennoch möchte sie etwas anderes in den Vordergrund stellen: Wie ein autoritäres Regime mit der Wahrheit umgeht.

TV-Serie ab 14.5. „Chernobyl“ von Craig Mazin

Die fünfteilige Serie "Chernobyl" erzählt die schockierende Geschichte des Reaktor-Unglücks. (Foto: © Sky UK Ltd/HBO - © Sky UK Ltd/HBO)
Bei dem Super-GAU explodierte Reaktor 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl. Der tagelange Graphitbrand trieb große Mengen radioaktiver Stoffe durch das zerstörte Dach der Reaktorhalle in hohe Luftschichten, wo der Wind sie bis nach West- und Nordeuropa verfrachtete.  © Sky UK Ltd/HBO - © Sky UK Ltd/HBO Bild in Detailansicht öffnen
Als einer der ersten vor Ort erfasst der sowjetische Atomphysiker Valery Legasov (Jared Harris) das ganze Ausmaß der beispiellosen Katastrophe. Zwei Jahre nach dem Reaktorunfall nimmt sich der Wissenschaftler das Leben.  © Sky UK Ltd/HBO - © Sky UK Ltd/HBO Bild in Detailansicht öffnen
Der diensthabende Chefingenieur glaubt zunächst an eine Fehlfunktion. Warnungen einzelner Ingenieure, die den explodierten Reaktor mit eigenen Augen gesehen haben, ignoriert er. © Sky UK Ltd/HBO - © Sky UK Ltd/HBO Bild in Detailansicht öffnen
Die Verantwortlichen reagieren mit einer Informationssperre, die Bevölkerung wird erst Wochen später über das tatsächliche Ausmaß des Atomunfalls informiert. © Sky UK Ltd/HBO - © Sky UK Ltd/HBO Bild in Detailansicht öffnen
Die Verantwortlichen müssen sich von den betroffenen Menschen fragen lassen: Wie hätte der Unfall verhindert werden können? Wer ist verantwortlich für das Reaktorunglück? Was wurde von der Regierung vertuscht? © Sky UK Ltd/HBO - © Sky UK Ltd/HBO Bild in Detailansicht öffnen

Hochaktuelle Serie

Ist der Mensch in der Lage ist, aus einem Katastrophenkreislauf auszubrechen? Erst die Augen verschließen, dann Informationen vertuschen, letztendlich Menschenleben opfern. In Bezug auf Fragen von Umweltpolitik und Verantwortung ist „Chernobyl“ eine hochaktuelle Serie. 

Fehleinschätzung der Lage

Als im Reaktorblock 4 das Dach wegfliegt, herrscht im Kontrollzentrum noch der Glaube, alles im Griff zu haben. Kurze Zeit später übergeben sich die ersten Männer. Feuerwehrleute verbrennen an herumliegenden Graphittrümmern, die aus dem Innersten des Reaktors nach außen geschleudert wurden.

Die Verantwortlichen reagieren mit einer Informationssperre, die Bevölkerung wird erst Wochen später über das tatsächliche Ausmaß des Unfalls informiert. (Foto: © Sky UK Ltd/HBO - © Sky UK Ltd/HBO)
Die Verantwortlichen reagieren mit einer Informationssperre, die Bevölkerung wird erst Wochen später über das tatsächliche Ausmaß des Atomunfalls informiert. © Sky UK Ltd/HBO - © Sky UK Ltd/HBO

Umweltkatastrophe von bisher unbekanntem Ausmaß

In der sowjetischen Machtzentrale entbrennt ein Konflikt zwischen dem stellvertretenden Ministerpräsidenten Shcherbina, einem zunächst typischen Apparatschik-Betonkopf, und dem Wissenschaftler Valery Legasov. Ihm wird sofort nach den ersten Informationen klar, dass dieser Unfall alle bisherigen Umweltkatastrophen in den Schatten stellt. 

Wissenschaftler als Warner und selbstlose Helden gegen Funktionäre, die die Fehler im eigenen System nicht ans Licht kommen lassen wollen. Das mag dem einen oder anderen dramaturgisch zu einfach gestrickt sein. Dennoch gelingt der Serie von Craig Mazin ein seltenes Kunststück: man ist einem zeithistorischen Ereignis so nahe, dass es einem beim Zuschauen in die Knochen fährt.

Bilder wie aus einem Horrorfilm

Horrorfilm-ähnliche Bilder von entstellten Strahlenopfern auf der einen, ikonische Aufnahmen der zerborstenen Stahlarchitektur auf der anderen Seite. Dazwischen kleine und große, meist namenlosen Heldengeschichten von Menschen, die nicht immer genau wissen, dass sie den Einsatz voraussichtlich mit ihrem Leben bezahlen werden.

Als einer der ersten vor Ort erfasst der sowjetische Atomphysiker Valery Legasov (Jared Harris) das ganze Ausmaß der beispiellosen Katastrophe (Foto: © Sky UK Ltd/HBO - © Sky UK Ltd/HBO)
Als einer der ersten vor Ort erfasst der sowjetische Atomphysiker Valery Legasov (Jared Harris) das ganze Ausmaß der beispiellosen Katastrophe. Zwei Jahre nach dem Reaktorunfall nimmt sich der Wissenschaftler das Leben.  © Sky UK Ltd/HBO - © Sky UK Ltd/HBO

Zweifel an Technik und Fortschritt

Als sich Valery Legasov genau zwei Jahre nach dem Reaktorunfall erhängt, ist der Glaube an die Segnungen von Technik und Fortschritt erschüttert. In Deutschland wird als Reaktion das Bundesumweltministerium gegründet, von der Kernenergie ist nur noch als Übergangs- oder Brückentechnologie die Rede. Das aber 25 Jahre lang, bis zur nächsten Katastrophe. 

Trailer:

STAND