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„Can't Get You Out Of My Head" — von Kylie Minogues gleichamigem Welthit stammt der Titel des Dokumentarfilms und nicht nur mit dieser offenkundigen Pop-Referenz sagt uns Filmemacher Adam Curtis: Dies ist auch ein unterhaltsamer Film, eine kulturgeschichtliche Zeitreise, die Spaß machen soll — und tatsächlich Spaß macht.

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Eine Diagnose der Gegenwart

Adam Curtis gehört seit 30 Jahren zu den wichtigsten Filmemachern aus Großbritannien. Seine Filme, mit denen er eine ganz eigenwillige Form des politischen „Essay-Films“ entwickelt hat, laufen auf internationalen Festivals. Fast alle seine Filme stellt Curtis frei verfügbar ins Internet.

„Can't Get You Out Of My Head" ist ein monumentales Unterfangen: In sechs Teilen von denen jeder einzelne die klassische Spielfilmlänge überschreitet, bietet „Can't Get You Out Of My Head" eine Geschichte des individualistischen Zeitalters und eine Diagnose der Gegenwart.

Der Individualismus als Ziel und Sinn des Lebens

Was verbindet die radikalen Schwarzen Bürgerrechtler*innen der „Black Panther“ mit der Mao-Gattin Chiang Ching, mit dem RAF-Anwalt Horst Mahler, der sich vom linken Bürgerrechtler zum Rechtsextremen entwickelte — aber auch mit britischen Ehefrauen aus Mittelstandsverhältnissen, die in den 1960er Jahren für ihr Recht eintraten, sich scheiden zu lassen?

Was verbindet diese mit ihren Kindern, der westeuropäischen Mittelstands-Jugend, die alle „etwas Kreatives“ arbeiten wollen? Mit jenen Intellektuellen, die sich Ende der 1970er Jahre für die „Boatpeople“ einsetzten, mit Bob Geldof und seinen Live Aid Konzerten — aber auch mit Völkermördern in Äthiopien?

Es ist der Individualismus; die Vorstellung, dass jede*r Einzelne ein unverwechselbares Selbst hat, das sich ausdrücken muss: Dieser Ausdruck, diese Selbst-Expressivität sind Ziel und Sinn des Lebens.

Eine Collage aus atemberaubendem Archivmaterial

Seine Filme sind von komplexen assoziativen Montagen geprägt, und bieten eine Collage aus atemberaubenden Funden im Archivmaterial, die durch einen Erzählertext zusammengehalten werden.

Das Ergebnis ist ein filmischer Bewusstseinsstrom, der Material aus Soziologie, politischer Theorie, Geschichte und Psychologie zu bislang ungesehenen Bildern verbindet — im Stil derart verführerisch, dass es schwer fällt, sich als Zuschauer*in dem Sog von Curtis' Gedanken, auch seiner Thesen zu entziehen.

Curtis' Gedanken kann man sich nur schwer entziehen

Der 65-Jährige möchte sich dabei aber keinesfalls als Künstler verstanden wissen. Er stehe in der Tradition des klassischen BBC-Journalismus. In seinem Werk verbindet er disparate Elemente, mündet so in eine Art Chaostheorie des politischen Bewusstseins: Die antikapitalistische Bürgerrechtsbewegung der 1960er führt zum Fall des Eisernen Vorhangs 1989 und dem Triumph des Westens.

Schmetterlingseffekte verändern das Geschichtsbild

In den Neunzigern erlebte die Menschheit den Gipfel der westlichen Idee des Individualismus – doch zugleich wuchsen Ängste und Verschwörungstheorien und der Versuch ihrer Herr zu werden durch Wellness-Rezepte und Selbstoptimierungswahn.

Auch der Brexit oder die Wahl von Donald Trump sind hier sogenannte Schmetterlingseffekte — vielleicht nur ausgelöst durch ein paar dumme Zufälle, verändern sie das ganze Bild der Geschichte.

Was wir denken und warum wir denken, was wir denken

Zugleich konstatiert Curtis die zunehmende Unfähigkeit der politischen Lager, den ermüdenden Demokratien noch weiterhin eine Zukunftsvision zu geben. So entwickelt sich die Serie auch zu einem Porträt des einstweiligen Scheiterns der Linken.

So stellt sich dann die Frage nach der Zukunft der Demokratie und des westlichen Modells von Wohlfahrtsstaat und sozialpartnerschaftlicher Gesellschaftsordnung. In überaus prägnanter Form erklärt Adam Curtis uns allen, was wir denken und warum wir denken, was wir denken.

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