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Filmfestival Locarno: „Regel 34“ - Julia Murats Film über sexuelles Begehren gewinnt den Goldenen Leoparden

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AUTOR/IN
Rüdiger Suchsland

„Regel 34“ von der brasilianischen Regisseurin Julia Murat gewann am Samstag den Goldenen Leoparden von Locarno. Eine verdiente Auszeichnung und eine sehr schöne überdies: Die Regisseurin feiert die Wahlfreiheit und das offene Ausleben von Wünschen. Mit der Hinwendung zur Jugend kehrt Locarno zu seinen Ursprüngen zurück.

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Ein schöner Film über sexuelle Freiheit und Begehren

Der Film ist ein verdienter Preisträger und ein sehr schöner überdies: „Regel 34“ von der brasilianischen Regisseurin Julia Murat gewinnt den Goldenen Leoparden von Locarno.

Dies ist ein auch formal spannender Film. Er erzählt von einer Juristin, die sich für misshandelte Frauen einsetzt und sich zugleich selbst bewusst in Gefahr begibt, in dem sie in Internet-Chats verschiedene Facetten ihres eigenen Begehrens auslotet. Es ist ein Film der die Wahlfreiheit feiert, das offene Ausleben von Wünschen.

Zugleich begreift er Identitäten ganz anders, als es die heute modische Identitätspolitik tut – nämlich nicht als etwas Kollektives, sondern als etwas Individuelles und Persönliches. Jede*r Einzelne hat eine andere Identität und sehr oft sind die einzelnen Bestandteile davon heterogen, widersprüchlich, entgegengesetzt.

Junge FIlme aus Lateinamerika liegen im Trend

Gleich drei weitere Preise im Wettbewerb gingen an den Beitrag "Tengo suenos electricos", übersetzt: "Ich habe elektrische Träume" aus Costa Rica. Diese Preisvergabe zeigt gleich mehrere Tendenzen.

Zum einen ist ganz klar: Für die Jurys der beiden Wettbewerbe repräsentieren lateinamerikanische Filme und Filme aus Osteuropa das Kino der Stunde.

Zweitens sind die Preisträger*innen durchweg sehr junge Filmemachende. Damit kehrt Locarno zurück zu seinen Ursprüngen.

Locarno als Talentscout des Autorenkinos

Seit seiner Gründung vor 75 Jahren war Locarno die längste Zeit seines Bestehens ein Filmfestival, das den Nachwuchs des Autorenkinos entdeckte. Hier gewannen Filmemacher wie John Frankenheimer, Milos Forman, Marco Bellocchio, und Claude Chabrol sehr früh ihre ersten wichtigen Preise.

Locarno wurde zur Startrampe ihrer Weltkarriere. Erst im letzten Jahrzehnt brach man am Lago Maggiore öfters mit dieser Tradition.

Zurück zu den Wurzeln: junge, unbekannte Namen entdecken

Plötzlich gewannen Filmemacher, die über 50 oder in zwei Fällen sogar über 60 Jahre alt waren und bereits mehr als ein Dutzend Filme gedreht hatten. Damit wurde das Festival plötzlich zum Austragsstüberl für Altmeister, die es nicht nach Venedig oder San Sebastian geschafft hatten.

In diesem Jahr wendete sich das Blatt wieder ganz deutlich: Locarno entdeckte junge unbekannte Namen, die kein Filmkritiker und nur die wenigsten Einkäufer vorher auf dem Schirm hatten.

Die deutschen Beiträge können nicht mithalten

Die dritte deutliche Tendenz: die Preise sind Preise für die Kunst und für das Autorenkino. Es sind keine Preise für politische Moral, den richtigen Standpunkt oder ein sogenanntes "relevantes" oder "wichtiges" Thema.

Der deutsche Film zeigte sich in Locarno durchaus stark, aber auch innerhalb sehr klar definierter Grenzen: Die Filme waren gut, aber sie waren nicht überragend.

Die beiden Wettbewerbsbeiträge waren schlicht und einfach nicht ausgereift. Auf der einen Seite zu sperrig und auf der anderen Seite nicht in der Lage, großen Ideen einem breiteren Publikum zu vermitteln. Im Unterschied zu Julia Murat.

Trotz Problemen: Locarno bringt Menschen wieder zum Film

Die 75. Jubiläumsausgabe von Locarno war ein Erfolg. Nach wie vor hat das Festival Probleme und erkennbare Schwächen: Die Filme auf der Piazza Grande, der populärsten Sektion, waren in diesem Jahr so schwach und belanglos wie lange nicht.

Es sind insgesamt viel zu viele Filme, die in Locarno gezeigt werden, nicht zuletzt, weil das Festival es vielen Herren recht machen muss. Vor allem ist es ein Problem dass es zwei Wettbewerbe gibt, die schwer bis gar nicht auseinanderzuhalten sind. Immer wieder versteht man nicht warum ein bestimmter Film im einen Wettbewerb und nicht im anderen läuft.

Trotzdem schaffte das Festival in diesem Jahr das Allerwichtigste: Es brachte die Menschen zurück in die Leinwandsäle.

Film Locarno-Retrospektive: Douglas Sirk, der Meister des Melodrams

Douglas Sirk, am 26. April 1897 in Hamburg als Detlef Sierck geboren, begann seine Regiekarriere zunächst in Goebbels' NS-Kino der Ufa. Mit seinen Filmen machte er Zarah Leander zum Star des Dritten Rechs. Nach der Emigration wurde Douglas Sirk in den 1950er Jahren in Hollywood der König des Melodrams.  mehr...

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