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Blutsauger – „Marxistsche“ Vampirkomödie von Julian Radlmaier

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1928: Der sowjetische Arbeiter Ljowuschka wird als Trotzki-Darsteller für einen Film von Sergei Eisenstein gecastet. Doch als Trotzki bei Stalin in Ungnade fällt, muss auch sein Darsteller Ljowuschka fliehen und landet in einem mondänen Badeort an der Ostsee. Dort bahnt sich eine sommerliche Romanze mit der exzentrischen Fabrikbesitzerin Octavia an – dumm nur, dass in der Gegend auch Vampire ihr Unwesen treiben.

„Ein verspielter Film, schillernd, einfallsreich und ein bisschen durcheinander“, findet SWR2-Filmexperte Rüdiger Suchsland.

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Als Graf Dracula nach Deutschland kam

Schon der Titel ist mehrschichtig: Es gibt an der Ostsee viele Mücken, denen die Menschen zu Wirten werden. Gleichzeitig ist „Blutsauger“ein Vampirfilm und über die Ostsee ist einst in Murnaus Stummfilm „Nosferatu“ der blutsaugende Graf Dracula zuerst nach Deutschland gekommen.

Der Film zeigt Karl Marx, den Autor des „Kapitals“ als regen Konsumenten der damals modischen „Gothic“-Schauergeschichten, der, davon inspiriert, seine ökonomischen Theorien in entsprechende plastische Bilder von Menschenfressern, in Ketten gelegten Familien, von Gespenstern und Untoten und eben von kapitalistischen „Blutsaugern“ kleidet.

Filmstill (Foto: Grandfilm)
Lilith Stangenberg spielt die junge Fabrikbesitzerin Octavia Flambow-Jansen, die die Sommermonate mit ihrem tölpelhaften Diener Jakob am Meer verbringt. Die exzentrische Millionärin interessiert sich für den verhinderten Trotzki-Darsteller Ljowuschka und bietet ihm Unterschlupf in ihrem luxuriösen Herrenhaus. Grandfilm

Episoden aus der frühen Filmgeschichte

Eine weitere Ebene dieses Films erzählt Episoden aus der frühen Filmgeschichte: 1928, dem Jahr, in dem „Blutsauger“ spielt, drehte Regisseur Sergei Eisenstein gerade seinen Film „Oktober. Zehn Tage, die die Welt erschütterten“ über die bolschewistische Revolution von 1917. Der für die Rolle des Trotzki gecastete Darsteller Lyovuschka fällt plötzlich bei der Partei in Ungnade und muss, so behauptet jedenfalls der Film, nach Deutschland fliehen. Er landet in einem mondänen Ostseebad und lernt die kapriziöse Fabrikbesitzerin (und Blutsaugerin) Octavia Flambow-Jansen kennen. Sie beschließt, Lyovuschka als nächtlichen Liebhaber zu nehmen und tagsüber mit ihm einen Vampirfilm zu drehen, um ihre Langeweile damit totzuschlagen.

Kritik am deutschen Kunst-Kino


„Ein vor allem verspielter Film, schillernd, einfallsreich und ein bisschen durcheinander“, findet SWR2-Filmexperte Rüdiger Suchsland: „Mancher Erzähl- und Gedankenfaden entpuppt sich als Einbahnstraße. Radlmaier bricht und ironisiert seine Story immer wieder, und übt vor allem durch seine nonchalant-unverkrampfte Haltung recht deutliche Kritik an einem deutschen Kunst-Kino, das vor allem Angst vor Fehlern hat, und dem in all seinem Pragmatismus mehr und mehr die Ideen ausgehen.“

Trailer „Blutsauger“ ab 12.5. in ausgewählten Kinos

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