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Wer fragt sich nicht manchmal, warum man gerade die Person geworden ist, die man ist – mit all den Vorlieben, Abneigungen und Eigenschaften? Der Animationsfilm „Soul“ von „Alles steht Kopf“-Macher Peter Docter versucht das zu ergründen. Herausgekommen ist ein vielschichtiger Film und der erste von Pixar, der sich eher an Erwachsene richtet als an Kinder.

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Was ist die Seele?

Die Seele – ob es sie tatsächlich gibt, darüber streitet die Menschheit seit Jahrtausenden. Niemand hat sie je gesehen, also weiß auch keiner, wie sie wohl aussieht.

In Peter Docters „Soul“ sind neue Seelen niedliche, verspielte Geisterwesen. Im Du-Seminar, einer Art Seelenschule, werden sie auf ihren künftigen Einsatz vorbereitet. Im „Davorseits“ erhalten alle Seelen ihre individuelle Persönlichkeit, bevor sie auf die Erde kommen.

Im Traumreich zwischen Leben und Tod

In dieses ätherische, pastellfarbene Traumreich zwischen Leben und Tod gerät der verhinderte Jazzmusiker Joe Gardner. Eigentlich ist der mittelalte Afroamerikaner durch den Sturz in einen Gully gerade gestorben, doch damit will er sich nicht abfinden.

"Soul" von Pete Docter (Foto: Pressestelle, Walt Disney / Pixar)
Joe Gardner unterrichtet Musik an einer Mittelschule in New York. Pressestelle Walt Disney / Pixar Bild in Detailansicht öffnen
Eigentlich träumt er jedoch davon, das Unterrichten an den Nagel zu hängen. Pressestelle Walt Disney / Pixar Bild in Detailansicht öffnen
Als Jazz-Musiker möchte er groß herauskommen. Pressestelle Walt Disney / Pixar Bild in Detailansicht öffnen
Der Traum rückt näher, als er eines Tages die Gelegenheit bekommt, mit der berühmten Jazz-Saxophonistin Dorothea ein Konzert zu spielen. Pressestelle Walt Disney / Pixar Bild in Detailansicht öffnen
Doch dann baut Joe einen Unfall und seine Seele landet an einem Ort namens "Davorseits", wo ungeborene Seelen mit ihren Persönlichkeiten ausgestattet und auf das Leben auf der Erde vorbereitet werden. Pressestelle Walt Disney / Pixar Bild in Detailansicht öffnen
Joe setzt alles daran, um wieder in seinen Körper auf der Erde zu gelangen, denn seinen Auftritt im Jazz-Club will er um nichts in der Welt verpassen. Pressestelle Walt Disney / Pixar Bild in Detailansicht öffnen
Also tut sich der leidenschaftliche Musiker mit der abgeklärten Seele 22 zusammen, die schon ewig im „Davorseits“ hockt und absolut keine Lust auf ein Dasein auf der Erde hat. Sie hilft Joe und erkennt dabei, dass das Leben auf der Erde vielleicht doch nicht so schlecht ist... Pressestelle Walt Disney / Pixar Bild in Detailansicht öffnen

Schließlich hat er genau an diesem Abend einen wichtigen Auftritt und die vielleicht letzte Chance, doch noch den Durchbruch als Jazzmusiker zu schaffen. Also flieht Joe kurz entschlossen von der langen Rolltreppe ins Jenseits und landet im Davorseits.

Dort lernt er die aufsässige Seele Nummer 22 kennen, die nach hunderten Jahren im Du-Seminar als unvermittelbar gilt. Wenn Joe Nummer 22 hilft, ihre Berufung zu finden, könnte er sich in ihrem Schatten zurück ins Leben schummeln, so sein Plan. Aber die zynische, kleine Seele hat gar keine Lust auf die Erde.

Bilder wie von Picasso erdacht

Wie schon in „Alles steht Kopf“, seinem großartigen Drama über Gefühle, schafft es Drehbuchautor und Regisseur Peter Docter, ganze Welten für abstrakte innere Vorgänge zu erschaffen. So beschreibt er visuell, was im Kopf passiert, wenn man sich ganz in einem Moment verliert.

Oder was in einer Seele vorgeht, wenn man sie verletzt oder wie man verlorene Seelen retten kann. Die Optik geht dabei weit über das hinaus, was man stilistisch aus Animationsfilmen kennt. Manche Figuren im Davorseits wirken wie einer kubistischen Zeichnung von Picasso entsprungen.

Suche nach dem Sinn des Lebens

„Soul“ versucht zu ergründen, was die Seele und damit den Kern eines Menschen oder vielleicht sogar eines gelungenen Lebens ausmacht. Das überraschende Ergebnis: Es geht eigentlich weniger um das Finden der einen Bestimmung, sondern darum, das Leben in all seiner Vielseitigkeit zu genießen.

Es geht darum, einen Sinn für die kleinen Dinge zu entwickeln, sich zu spüren, andere zu sehen und selbst gesehen zu werden. Nur so kann man selbst auch eine Inspiration für andere sein. Sogar für Seelen mit null Bock auf gar nichts.

Ein Kinderfilm für Erwachsene

„Soul“ ist der bislang erwachsenste Film von Pixar. Machte das Animationsstudio bis jetzt vor allem Kinderfilme, die auch eine Ebene für Erwachsene haben, ist es bei „Soul“ allenfalls umgekehrt.

Wenn Joe und 22 zusammen auf die Erde zurückkehren, gibt es einige sehr komische Slapstick- und Körpertauschszenen, an denen Kinder sicher Spaß haben. Aber die Hauptfrage des Films, ob man bei seinem Tod das Gefühl hat, genug aus seinem Leben gemacht zu haben, stellt sich Kindern definitiv nicht.

Auch der feine, jazzige Soundtrack spricht wohl eher die Eltern an. Für die lohnt sich der Film aber umso mehr. Und das nicht nur, um über Weihnachten für anderthalb Stunden die Seele baumeln zu lassen.

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