STAND
AUTOR/IN

Die Geschichte der komplexen Freundschaft zweier junger Frauen 1945 in Leningrad steht im Zentrum von „Bohnenstange" - inspiriert durch das Buch „Der Krieg hat kein weibliches Gesicht" von Swetlana Alexijewitsch. Regie führte das erst 29-jährige russische Ausnahmetalent Kantemir Balagov.

Audio herunterladen (4,5 MB | MP3)

Erschöpftes Leningrad 1945

Leningrad im ersten Winter nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Es ist eisig kalt, das Leben ist hart, die Versorgungslage schlecht, die Atmosphäre düster und fast deprimiert. Eine erschöpfte Stimmung scheint wie eine bleierne Glocke über der Stadt zu liegen. Während des Zweiten Weltkriegs erlitt die Sowjetunion schwindelerregende Menschenverluste - geschätzt werden 22 bis 28 Millionen Tote, ein Großteil davon Frauen.

Film „Bohnenstange“ von Kantemir Balagov

"Bohnenstange" von Kantemir Balagov (Foto: Pressestelle, Eksystent Distribution)
Leningrad, 1945: Der Zweite Weltkrieg hat die Stadt und ihre Bürger physisch und psychisch zerstört. Den ganzen Krieg über hat sich Iya (Viktoria Miroshnichenko) um den Sohn einer Freundin gekümmert. Pressestelle Eksystent Distribution Bild in Detailansicht öffnen
Doch die Unruhen haben der jungen Frau zugesetzt, immer wieder verfällt sie in Schockstarre. Als dies erneut passiert, geschieht ein Unglück und der Junge kommt ums Leben. Pressestelle Eksystent Distribution Bild in Detailansicht öffnen
Als schließlich Masha (Vasilisa Perelygina) nach Leningrad zurückkehrt, hält sie sich nicht lange mit Trauer um ihren Sohn auf. Pressestelle Eksystent Distribution Bild in Detailansicht öffnen
Masha will endlich wieder leben und eine Zukunftsperspektive haben, wofür sie ihrer Meinung nach ein Kind braucht. Pressestelle Eksystent Distribution Bild in Detailansicht öffnen
Da sie selber keine Kinder mehr bekommen kann, soll Iya ihr bei der Suche nach einem Kind helfen und dabei ihre Schuld begleichen. Pressestelle Eksystent Distribution Bild in Detailansicht öffnen
Regisseur Kantemir Balagov ließ seinen Film bewusst im Zweiten Weltkrieg spielen: "Ich interessiere mich für das Schicksal von Frauen und insbesondere von Frauen, die im Zweiten Weltkrieg gekämpft haben. Daten zufolge war dies der Krieg mit der höchsten Beteiligung von Frauen. Als Autor bin ich daran interessiert, eine Antwort auf die Frage zu finden: Was passiert mit einer Person, die Leben geben soll, nachdem sie einen Krieg durchlaufen hat?" Pressestelle Eksystent Distribution Bild in Detailansicht öffnen

Russisches Regietalent Kantemir Balagov nimmt zwei junge Frauen in den Blick

Zwei dieser Frauen nimmt jetzt der erst 29 Jahre junge russische Regisseur Kantemir Balagov in seinem außergewöhnlichen zweiten Spielfilm in den Blick. Iya ist die eine, die andere heißt Mascha. Das grausige Band, das beide Frauen untrennbar zusammenhält, ist Paschka.

In der ersten Viertelstunde des Films hatte man Iya mit dem kleinen Dreijährigen gesehen. Sie lebten zusammen in Iyas Wohnung. Aber es war gar nicht ihr Sohn, sondern Maschas. Während die Mutter an der Front kämpfte, kümmerte sich Iya. Bis sie eines Abends wieder einen Anfall bekam, und mit ihrem Gewicht hilflos den kleinen Paschka erstickte.

Komplizierte Beziehungsgeschichte zweier Freundinnen

Was sich im Folgenden entfaltet, ist die komplizierte Beziehungsgeschichte der beiden Freundinnen - eine emotionale Achterbahnfahrt, bestimmt von unausgesprochenen Gefühlen, von Liebe wie Hass. Von ungestilltem Begehren, von Wut, vom täglichen Überlebenskampf zwischen alltäglicher Not, und den Apparatschiks der KPdSU.

Getragen von zwei überragenden Hauptdarstellerinnen

Getragen wird all das von den beiden Darstellerinnen, der so charismatischen wie rätselhaften Vasilisa Perelygina, die die Mascha zugleich bodenständig wie am Rande des Wahnsinns spielt, so wie von Viktoria Miroshnichencko in der Titelrolle, ihre Iya ist eine Figur von einem anderen Stern.

„Bohnenstange“ ist ein trauriger Film und zugleich ein stellenweise erstaunlich lustiger, heiterer kurzweiliger Film. Er erzählt enorm viel von Russland damals und heute, von den Folgen des Krieges, von den Trümmerfrauen, die es nicht nur in Westdeutschland gab.

Ein Höhepunkt des Filmjahres 2020

Vor allem ist dies ein wunderschöner Film: Wunderschön gefilmt, herausragend gespielt von den beiden Hauptdarstellerinnen, berührend in seiner Menschlichkeit und seiner tiefen Humanität. Ein Höhepunkt des russischen Kino der letzten Dekade. Ein Höhepunkt dieses Filmjahres.

Bohnenstange, Deutschland-Filmstart am 22.10.2020

Film Hypnotischer Rausch – „Ema“ von Pablo Larrain

Tagsüber arbeitet sie als Tänzerin. Nachts zieht sie mit dem Flammenwerfer durch die Straßen oder verliert sich im Rausch des Raggaeton. In „Ema“ porträtiert Pablo Larrain eine ungewöhnliche Frau in einer noch ungewöhnlicheren filmischen Form.  mehr...

SWR2 Kultur aktuell SWR2

Kino „Regeln am Band, bei hoher Geschwindigkeit” im Kino

Als Filmemacherin Yulia Lokshina ihren Dokumentarfilm gedreht hat, konnte sie noch nicht wissen, wie brandaktuell er beim Kinostart sein würde. In "Regeln am Band, bei hoher Geschwindigkeit" geht es um das Leid der Mitarbeiter in Fleischfabriken.  mehr...

Kunscht! SWR Fernsehen

Film „Cortex“ erinnert an Christopher Nolan: Starkes Regie-Debüt von Moritz Bleibtreu

Mit Moritz Bleibtreu wagt einer der bekanntesten Darsteller aus der deutschen Kino-Szene mit 49 Jahren ein eigenes Regie-Debüt. Obendrein ist „Cortex“ ein hochanspruchsvoller, düsterer Psycho-Thriller, ein Katz- und Maus-Spiel zwischen Traum und Wirklichkeit. Der schlicht gedrehte Film zeigt, dass in der deutschen Filmszene auch Platz für Genre-Filme ist, für Psycho-Thriller und Science Fiction.  mehr...

SWR2 Journal am Mittag SWR2

STAND
AUTOR/IN