"Kino der Moderne" in der Kunsthalle Bonn Von Caligari zu Riefenstahl

Von Henning Hübert

Der Tonfilm verdrängt den Kunstfilm. Schauspielerinnen wie Elisabeth Bergner oder Marlene Dietrich Hosen beginnen Hosen und Frack zu tragen. Kriegsneurosen werden zum gesellschaftlichen Thema ebenso wie soziale Missstände. Die Ausstellung "Kino der Moderne" in der Bundeskunsthalle Bonn zeigt, wie prägend das Kino für die Gesellschaft der 1920er Jahre war. Bonner Bundeskunsthalle und Deutsche Kinemathek haben eine besondere Ausstellung geschaffen.

"Kino der Moderne" in der Kunsthalle Bonn Wie der Film die Gesellschaft veränderte

Asta Nielsen, Dirnentragödie (Foto: Pressestelle, Deutsche Kinemathek – Fotoarchiv -)
Dutzende Filmgesichter blicken einen von einer hohen Leinwand aus an: Überlebensgroß sind sie, immer auf Schwarz-weiß-Material. Sie eröffnen die Bonner Ausstellung „Kino der Moderne“ - zusammen mit Porträtfotos von August Sander.Asta Nielsen, Dirnentragödie (Bruno Rahn, 1927) Pressestelle Deutsche Kinemathek – Fotoarchiv - Bild in Detailansicht öffnen
Kuratorin Kristina Jaspers von der Deutsche Kinemathek: "Es geht nicht nur um das Individuum, es geht auch um den Typ, eine starke Typisierung. Zum Teil findet auch eine Klassendarstellung statt. Es entsteht eine Wechselwirkung. Das ist sehr prägend für den Film in den 20er Jahren."Damen in den Ewigen Gärten, Metropolis (Fritz Lang, 1927) Pressestelle © Deutsche Kinemathek - Foto: Horst von Harbou Bild in Detailansicht öffnen
Außerdem die Lust am Experiment: Technisch und ästhetisch. Da gibt es die entfesselte Kamera: Bevor der Zoom erfunden wurde, haben Kameraleute Schaukeln und Schlitten für Ranfahrten genutzt. Im Bergfilm sorgen auf Ski montierte Kameras für ein hautnahes Abfahrts-Erlebnis.Werkfoto, Die weiße Hölle vom Piz Palü (Arnold Fanck, G. W. Pabst, 1929) Pressestelle © Deutsche Kinemathek - Foto: Hans G. Casparius Bild in Detailansicht öffnen
Szenenfoto, Wege zu Kraft und Schönheit (Wilhelm Prager, 1925) Pressestelle Deutsche Kinemathek – Fotoarchiv - Bild in Detailansicht öffnen
Vor allem Frauen sind die Filmstars und Trendsetter, in Hosenrollen und mit Bubi-Kopf. Hingucker sind Marlene Dietrichs ausgestellte Spitzen-Unterwäsche und ihr Badeanzug im Arbeiter-Look. Pressestelle Deutsche Kinemathek – Fotoarchiv - Bild in Detailansicht öffnen
Kulissen wie in Babelsberg idealisieren Großstadtleben. Kuratorin Kristina Jaspers: "Es gibt natürlich auch Gegentendenzen. Natürlich gibt es auch reaktionäre Strömungen, zum Beispiel die Fridericus-Rex-Filme, viele Historienfilme, die eigentlich im historischen Gewand die Gegenwart verhandeln. Darin wird stark darum gerungen, wie das Deutschland der Zukunft aussehen soll."Friedrich Ebert mit Henny Porten und Emil Jannings am Set von Anna Boleyn (Ernst Lubitsch, 1920) Pressestelle Deutsche Kinemathek – Fotoarchiv - Bild in Detailansicht öffnen
Die 20er waren nicht nur eine Goldene Epoche, die Bonner Ausstellung spart auch nicht an Kritik. Siegfried Krakauers kritische Schrift zur Ideologie des deutschen Tonfilms knöpft sich die verfilmten Operetten und Amüsier-Schwänke in historischen Kostümen vor. Pressestelle Deutsche Kinemathek – Fotoarchiv - Foto: Peter-Paul Weiler Bild in Detailansicht öffnen
Auch Hugo von Hofmannsthal warnt vor der Traumfabrik: Das echte Leben bleibt solche Bilder schuldig. Werner Krauß, Das Cabinet des Dr. Caligari , (Robert Wiene, 1920) Pressestelle Deutsche Kinemathek – Fotoarchiv - Bild in Detailansicht öffnen
Zitat Siegfried Krakauer: „Man merkt den Filmen an, dass sie um jeden Preis politische Ketzereien vermeiden wollen. Aber man spürt kaum je einen Funken in ihnen. Leere Zerstreuung.“ Pressestelle Deutsche Kinemathek – Fotoarchiv - Foto: Peter-Paul Weiler Bild in Detailansicht öffnen
Insgesamt aber ist die Ausstellung mit vier Kinos und 500 Exponaten so groß geraten, dass man ohne Mühe in ganz verschiedene Weimarer Film-Wirklichkeiten eintauchen kann. Szenenbildentwurf von Franz Schroedter Die große Pause, (Carl Froelich, 1927) Pressestelle Deutsche Kinemathek – Grafikarchiv - Bild in Detailansicht öffnen
Man bekommt eine Ahnung davon, warum diese Blütezeit des Deutschen Films - Stichwort "Babylon Berlin" – bis heute so stark fasziniert. Pressestelle Deutsche Kinemathek – Fotoarchiv - Bild in Detailansicht öffnen
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