Filmfestival San Sebastian Verjüngung mit 66

Von Rüdiger Suchsland

San Sebastián ist das viertwichtigste Filmfestival im internationalen Festivalzyklus. Nicht so Hollywood-lastig wie Cannes oder Venedig, ist der Wettbewerb um die Goldene Muschel von hochkarätigem internationalem Autorenkino geprägt. Ein großes Thema ist auch im Baskenland der Streamingdienst "Netflix" und das Kino.

Eröffnungsfilm aus Argentinien

25 Jahre sind Ana und Marcos verheiratet, jetzt geht der gemeinsame Sohn aus dem Haus. Und eines Abends sitzen die beiden bei einem Glas Wein zusammen und fragen sich: Was soll da noch kommen? Was wird das nächste große Ereignis?

Weil sie keine rechte Antwort finden, außer dem Warten aufs Enkelkind in vielleicht zehn Jahren, und weil sie nicht so nebeneinander dahinvegetieren wollen wie ihre fremdgehenden Freunde, beschließen sie, sich zu trennen. Sie bleiben gute Freunde, haben aber kurze Affären und irgendwann neue Partner.

Zwei argentinische Superstars in den Hauptrollen

"El Amor Menos Pensado", "Eine kaum erwartete Liebe", heißt der argentinische Film, der diese Geschichte erzählt.

Regie führte Juan Vera, den man bisher als Produzent der Filme von Pablo Trapero kennt, und zuletzt von Lucrecia Martels "Zama". Die Hauptrollen spielen Argentiniens Superstar Ricardo Darin und Mercedes Morán.

El Amor menos pensado (An unexpected love), Regie Juan Vera (Argentinien) (Foto: Filmfestival San Sebastian - Filmfestival San Sebastian)
El Amor menos pensado (An unexpected love) mit Ricardo Darin und Mercedes Morán, Regie Juan Vera (Argentinien) Filmfestival San Sebastian - Filmfestival San Sebastian

In den ersten Minute schien dieser Auftakt sehr konventionell, doch entpuppte sich alles als ein kluges Kammerspiel über Liebe, Leben und das Altern. Vielleicht ist das Ende mit seiner Verabschiedung aller Liebesutopie etwas zu harmonisch, vielleicht aber auch einfach altersweise.

Verjüngungskur mit 66

"Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an", sang einst Udo Jürgens, und so geht es auch dem Festival in der baskischen Hauptstadt.

Denn mit seiner 66. Ausgabe verjüngt man sein Design, streicht die überbordende Zahl der Sektionen zusammen und popularisiert das Programm. Auch im schlechten Sinn: Eine von immer zwei Retrospektiven wurde gestrichen, dafür gibt es mehr Entertainment.

Eröffnungsfeier mit selbstironischem Spott

Zugleich war die diesjährige Eröffnungsfeier überaus erfrischend mit ihrem selbstironischen Spott auf Festivalklischees und der Konkurrenz zu anderen Filmfestivals in der San Sebastián zwar gut dasteht, aber keineswegs an der Spitze.

San Sebastian (Foto: Filmfestival San Sebastian - Filmfestival San Sebastian)
Das 66. Filmfestival von Sebastian präsentiert sich in verjüngtem Design und mit gestrafftem Programm Filmfestival San Sebastian - Filmfestival San Sebastian

"Netflix" fasst Fuß in Spanien

Nachdem der Streamingdienst gerade erst beim Festival in Venedig mit dem Gewinn des Goldenen Löwen demonstriert hatte, dass er in der Lage und willens ist, große Kinokunst zu produzieren, richtet er jetzt eine Ausgangsbasis für die Produktion von Filmen und Serien in Europa ein, eine Art Flugzeugträger für zukünftige Operationen.

Veränderung für das europäische Kino

Netflix gab kürzlich bekannt, dass es in Spaniens Hauptstadt Madrid sein erstes großes europäisches Büro und Produktionsstudio eröffnen werde. Große Studiobauten und Postproduktionsstätten sollen auf einer 22.000 Quadratmeter großen Fläche errichtet werden. Das wird Europas Filmlandschaft und auch das Filmfestival bald nachhaltig verändern.

L'homme Fidèle  A faithful man, Regie (Foto: Filmfestival San Sebastian - Filmfestival San Sebastian)
L'homme fidèle / A faithful man, Regie Louis Garrel (Frankreich) Filmfestival San Sebastian - Filmfestival San Sebastian

Die Liebe und die Langeweile

Nach dem Eröffnungsfilm, der auch um die Preise konkurriert, bot der Franzose Luis Garrel mit "L`homme fidel" eine weitere Trennungs- und Wiederverheiratungs- Komödie, die diesmal unter Thirtysomethings spielt. Mit einem Touch von Ernst Lubitschs Upper-Class-Komödien zeigt Garrel in aller Heiterkeit, dass für jede Beziehung nicht Untreue die größte Gefahr ist, sondern die Langeweile.

Politischer Tiefgang im philippinischen Kino

Für politischen Tiefgang sorgte dann der Phillippino Brillante Mendoza: "Alpha. The Right to Kill" ist ein straighter Polizeifilm, der mit einer virtuos inszenierten Polizeirazzia bei der Drogenmafia beginnt, und zunächst an die Männer- und Gewaltballette eines Michael Mann erinnert.

Mit Drogenhandel den Familienunterhalt sichern

Doch Mendoza, vor zehn Jahren der aufgehende Stern am Himmel des asiatischen Kinos, steht auch in der Tradition der Neorealisten, und so zeigt er den Alltag der kleinen Leute und daran, was Drogenhandel im diesem Land auch bedeutet: Die Möglichkeit, die Familie zu ernähren und überhaupt zu überleben.

Alpha. The Right to kill, Regie Brillante Mendoza (Philippinen) (Foto: Filmfestival San Sebastian - Filmfestival San Sebastian)
Alpha. The Right to Kill, Regie Brillante Mendoza (Philippinen) Filmfestival San Sebastian - Filmfestival San Sebastian

Vor allem aber erzählt der Film, wie die Polizei auf allen Ebenen eng mit der Drogenmafia verbunden ist. So verwandelt sich der Kriminalfilm mit leichter Hand in ein abgründiges Gesellschaftsportrait und eine scharfe Kritik des mörderischen philippinischen Anti-Drogenkrieges.

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