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Von Rüdiger Suchsland

Zwei Filme, die seit 3.1. im Kino sind, zeigen auf sehr unterschiedliche Weise das Schicksal schreibender Frauen in einer patriarchalen Welt. Lebenslange Selbstbescheidung und Schuldzuweisung in "Die Frau des Nobelpreisträgers" treffen in "Colette" auf eine rebellierende Frau, die ihr Schicksal selbst bestimmt. Glenn Close gewann als Ehefrau des Nobelpreisträgers Joseph Castleman den Golden Globe als beste Darstellerin.

"Die Frau des Nobelpreisträgers": Vorhersehbares 08/15-Kino

"Die Frau des Nobelpreisträgers" - Originaltitel "The Wife" - basiert auf dem gleichnamigen Roman von Meg Wollitzer. Bereits der Titel legt die Fährte: Eigentlich hat Josephs Ehefrau Joan all die Romane geschrieben, die unter dem Namen ihres Mannes herausgekommen sind und für die er den Nobelpreis erhält.

Oberflächlicher Gatte demütigt seine Frau

Ihr Gatte wird in diesem Film auch menschlich entlarvt: Als ein oberflächlicher Blender, der ziemlich viel dummes Zeug redet und seine Frau, ohne es überhaupt zu merken, demütigt und ausnutzt. Als er dann vor der ganzen Welt mit Ehren überhäuft wird, hält sie es fast nicht mehr aus.

Glenn Close in Hochform

Immer wieder sieht man in diesem Film das Gesicht von Glenn Close in Großaufnahme. Sie spielt Joan, die Frau des fiktiven Schriftstellers und Nobelpreisträger Joseph Castleman, als Mensch voller aufgestauten Leids und Aggressionen - ein Mensch kurz vor dem Platzen.

Das ist toll gespielt, doch abgesehen von Glenn Close gibt es über Björn Runges Melodram nicht viel zu sagen: Es ist vorhersehbares 08/15-Kino, ziemlich konstruiert, welches die Phrase illustriert, dass hinter jedem erfolgreichen Mann eine starke Frau stehe.

Keira Knightley spielt Colette als kesse und intelligente Frau

Da ist Wash Westmorelands Film "Colette" um einiges interessanter. Das liegt an seiner Machart, das liegt aber natürlich auch an der Figur.

Die Filmbiographie erzählt vom Leben der französischen Schriftstellerin Colette zu Beginn des letzten Jahrhunderts. Auch Colette hat den Nobelpreis nie bekommen und auch Colette begann als Autorin, deren Romane anfangs unter dem Namen ihres Mannes erschienen.

Rebellion gegen die Welt des Patriarchats

Colette lässt sich aber bald nichts mehr von anderen sagen, fordert von ihrem Mann Teilhabe und setzt sich in einer Welt des Patriarchats durch.

Schulmädchenreporte als Sensation der Belle-Epoche

Zur Erinnerung: Die Schriftstellerin Colette war eine Sensation der Belle-Epoche. Eine Vorkämpferin der Gleichstellung der Frau und Bestseller-Autorin.

Ihre insgesamt sechs Romane mit der Hauptfigur Claudine waren höchst libertär, eine Art gehobener Schulmädchenreport. Aus dem Blickwinkel eines "bösen" Mädchens verfasst, das die herrschenden Normen herausfordert.

Rebellisch und dabei sehr dezent und sensibel in der Schilderung weiblichen Begehrens.

Keira Knightley spielt Colette als ebenso kesse wie intelligente junge Frau, die stellvertretend für alle andere Frauen ihr Recht auf erotische und künstlerische Selbstverwirklichung einfordert.

Mainstreamfilme mit Kitsch und Herz

Womit haben wir es hier zu tun? Stilistisch sind die Filme keine Kunstwerke. Keine Infragestellung oder wenigstens Irritation unserer Lebens- und Denkweise, aber interessant als Zeitgeistphänomen.

Zwei amerikanische Filme, zweimal schreibende Frauen in einer Männerwelt, inmitten einer großbürgerlichen Kunstszene, die zwar viele Probleme hat, das Geld gehört aber nicht zu diesen.

Zwei Frauenschicksale von Männern erzählt

Zweimal Kitsch und Herz-Schmerz, durchaus Mainstream. Zweimal Protagonistinnen, die man in der heutigen Marketingsprache "starke Frauen" nennt und zweimal eine Umwelt, die das nicht sieht, nicht sehen will oder sehen kann. Zweimal Männer, die die Geschichte erzählen.

Jedoch einmal, bei "Die Frau des Nobelpreisträgers", lebenslange Selbstbescheidung, Frust und Leid und die Schuldzuweisung hierfür an die Umwelt. Und einmal bei "Colette" eine Rebellin, die nichts und niemanden für das eigene Schicksal verantwortlich macht, außer sich selber. Colette war eine Selfmade-Autorin, die sich zeitlebens nichts sagen ließ. Darum ist auch der Film "Colette" das viel interessantere Kinowerk.

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