Zweiteiliges TV-Drama über Wiener Luxushotel im ZDF

Das Sacher. In bester Gesellschaft

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Kulturthema am 16.1.2017 von Karsten Umlauf

Der "Event-Zweiteiler" erzählt die Geschichte des Hotels mit der berühmten Torte von 1892 bis zum Ende des Ersten Weltkriegs. Dabei schafft er es zeitweise, die Atmosphäre einer auseinanderbrechenden Welt erfahrbar zu machen, so Medienkritiker Karsten Umlauf. Das Drehbuch schiele nach Stefan Zweigs Roman "Die Welt von gestern" oder den Film "Der dritte Mann", komme aber über eine Ansammlung von Anklängen und Reminiszenzen nicht hinaus. Von Ursula Strauss bis Peter Simonischek sei der Film zwar üppig besetzt, die Charaktere blieben aber an der Oberfläche und am Ende geschehe nichts, was sich nicht bei einem Stück Sacher-Torte auch wieder vergessen ließe.

Kampf der Witwe um die Hoheit im Haus

Der zweiteilige Fernsehfilm über das Hotel Sacher in Wien ist erst einmal die Geschichte einer gelungenen Emanzipation. Die Hotelchefin Anna Sacher musste im Jahr 1892 zunächst einmal darum betteln, dass sie als Frau überhaupt ein Hotel führen darf. Zunächst hatte nämlich der Herr Schwiegerpapa, der altehrwürdige Erfinder der Sacher-Torte, für ihren verstorbenen Mann einspringen sollen.

Anna Sacher konnte sich durchsetzen. Kurze Zeit später begrüßt sie mit französischer Bulldogge im Arm und Zigarre im Mund selbstbewusst die europäische Hautevolee. Und jede Menge Wichtigtuer:"Verzeihung, ich möchte den Direktor sprechen. - Was wünschen's denn? - Ich meine den Herrn Direktor. - Der Herr im Haus bin ich!"

Ursula Strauss überzeugt als Sacher-Patronin

Die österreichische Vorzeigeschauspielerin Ursula Strauss spielt die Sacher-Patronin mit herbem Charme und ist die Anführerin einer ganzen Reihe von unterschiedlich starken, im Unterschied zu Anna Sacher aber erfundenen Frauenfiguren: Josefine Preuß spielt eine Fürstin, die sich in ihre arrangierte Ehe fügt und ein Doppelleben als Schriftstellerin führt: "Ich liebe Geschichten, wenn sie nur recht lang sind und gut ausgehen. Am liebsten träume ich mir meine eigenen, das hab ich schon als Kind gemacht."

Julia Koschitz glänzt als ihre Berliner Verlegerin, von allen bewundert für ihr selbständiges Unternehmertum; irgendwann taucht auch Jasna Fritzi Bauer als uneheliche Fürstentochter aus der Wiener Unterwelt auf: "So hast' mich doch erzogen. Zu was Besserem hast' mich erzogen, Würtner. Zu was ganz Besonderem. Bin was ganz Besonderes, hast' immer gesagt."

Die Zeit steht still für die feine Wiener Gesellschaft

Dass Geschichte um die Wende zum 20. Jahrhundert trotzdem und zunehmend feindselig nur von Männern gemacht wird, bekommt man in diesem Kosmos von „Küss die Hand“ und „Sehr wohl der Herr“ immer beiläufig mit. Im Sacher selbst scheint die Zeit still zustehen. Intrigen und Liebesaffairen werden genauso diskret behandelt wie Klatsch von Sissis Kaiserhof, Kindesentführungen oder politische Ideen.

"Die Untertanen danken ihrem Fürsten die stete Sicherheit. Aber mach sie dir gleich und sie werden dir widersprechen. - Dieser moralische Grundsatz ist aus der Mode gekommen, mein Herr. - Da schau her, was du nicht sagst. Da halte ich's doch lieber mit Eurem Heine: die Moden kommen und gehen." Der 1. Weltkrieg sorgt zwar zwischenzeitlich für bemerkenswert düstere Stimmung, ist aber am Ende auch nichts, was sich mit einem Stück Sachertorte nicht zumindest kurzzeitig vergessen ließe.

Atmosphäre der Jahrhundertwende nur teilweise erfahrbar

So ist diese Geschichte vom legendären Hotel Sacher zwar nur selten überzuckert, dennoch leider allzu absehbar erzählt, gespickt mit Dialogen wie aus mittelmäßigen historischen Romanen. Beim Springen zwischen den vielen Schauplätzen bleiben die Charaktere oberflächlich. Zeitweilig gelingt es, die Atmosphäre einer auseinanderbrechenden Welt erfahrbar zu machen. Einer Welt, die sich an nationaler Stärke ergötzt und Völkerverbindendes lächerlich macht und damit der unseren gar nicht so fern scheint.

Sammlung von Anklängen und Reminiszenzen

Das Drehbuch schielt nach Stefan Zweigs „Welt von gestern“, mixt dazu ein bisschen Madame Bovary, Regisseur Robert Dornhelm erinnert mit dunklen Gestalten in Wiener Geheimgängen sogar zwischenzeitlich an den „Dritten Mann“. Mehr als eine Sammlung von Anklängen und Reminiszenzen will dabei aber nicht gelingen. Oder, um das Kaffehausvokabular zu bemühen: der üppig besetzte Zweiteiler wäre so gern ein Mokka mit Sahne, herausgekommen ist aber nur ein Verlängerter. Ein ganz normaler Kaffee mit viel Wasser.

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