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Von Rüdiger Suchsland

In dem Kassenschlager "Monsieur Claude und seine Töchter" von 2014 heiraten die vier Töchter eines katholischen, konservativen Paars allesamt Franzosen aus Migrantenfamilien: Einen Afrikaner, einen Chinesen, einen Muslim und einen Juden. Nun kommt mit „Monsieur Claude 2“ die Fortsetzung in die Kinos. Regisseur Philippe de Chauveron erzählt seine Story einfach weiter, als hätte sich in Frankreich nichts verändert.

Witze über Terror oder Moslems erfordern Mut in Frankreich

Seit "Monsieur Claude und seine Töchter" 2014 Premiere hatte, hat sich in Frankreich viel getan. Nach den Terrormassakern bei "Charlie Hebdo" und im Bataclan ist es ein Akt des Muts und der Zivilcourage, öffentlich Witze über Terror, über Moslems und Burkaträgerinnen zu machen.

Doch genau dies geschieht in "Monsieur Claude 2". Ohne Furcht rührt dieser Film an Verdrängtes. Zugleich erzählt Regisseur Philippe de Chauveron seine Story einfach weiter, als hätte sich nichts im Land verändert.

Vive la France!

Das ist die eigentliche Botschaft dieses nur vermeintlich unpolitischen Unterhaltungsfilms: "Wir bleiben dieselben; wir stehen zu uns." Oder wie es im Film heißt: "Vive la France!". Es ist einfach das Beharren auf das Unveränderliche an Frankreich, den Traditionen des "France profonde", das von den Zumutungen der Moderne unberührt und geschützt ist.

Kinostart 4.4. Monsieur Claude 2 von Philippe de Chauveron

 

Wirtschaftskrise in Frankreich

Ein paar Jahre nach dem Ende des ersten Teils setzt die Fortsetzung des Films ein: Der traditionsbewusste Opa Claude und seine Frau Marie leben in ein reiches Rentnerdasein, die jüngere Generation, vor allem die Schwiegersöhne, leiden unter der Wirtschaftskrise.

Präzise, wenn auch nicht übermäßig lustig, ist der Film darin, sozialen Wandel zu zeigen: In Claudes Provinzdorf macht die letzte Fabrik gerade dicht, die einzige Bankfiliale schließt auch, der moslemische Schwiegersohn ist in seiner Anwaltskanzlei nur noch mit Burkaträgerinnen konfrontiert.

Die Konsequenz: Auswandern

Die Konsequenz: Alle vier Schwiegersöhne wollen mit ihren Familien auswandern. Nun sind Komödien wie kein anderes Genre auf Tempo angewiesen. Hier aber muss leider jeder Einfall vervierfacht werden. Nicht nur ein Schwiegersohn macht frustrierende Erfahrungen und sehnt sich nach Emigration, sondern alle vier, einer nach dem Anderen. Das ermüdet. 

Schematische Geschichte, mäßiger Humor

Wie überhaupt das Schema der Erzählung, das ängstliche Bemühen um gleiche Berücksichtigung aller Gruppen ermüdet. In der zweiten Hälfte, das ist ebenfalls eine mäßig flotte Pointe, versuchen Claude und Marie, den Jüngeren Frankreich wieder schmackhaft zu machen. Das schiebt die Schwiegersöhne in die undankbare Position derjenigen, die erst noch lernen müssen, was Frankreich wert ist.

Tricks gelingen gegen Cash

Vor allem gelingt den Alten ihr Ziel nur mit Tricks und viel Geld. Sie lassen einen Schauspieler als farbigen Winzer auftreten und bezahlen ein Theater, damit der schwarze Charles für die Hauptrolle des Othellos verpflichtet wird.

Schlichte Erkenntnis: keine Chance ohne Geld

So wollen die Rentner die Schwiegersöhne von den Vorzügen des Lebens in Frankreichs überzeugen. Die wahre Moral von der Geschichte ist aber: Ohne Geld hat man keine Chance. "Monsieur Claude 2" will offenkundig für Toleranz und Überwindung aller ethnischen Grenzen eintreten, manifestiert diese Grenzen aber in der Figurenzeichnung.

Keine echten Konflikte zwischen den Figuren

Der Film zeigt treffend, dass bereits das Thematisieren von Identität als solches ein großes Problem ist. Denn die vier Schwiegersöhne werden hier nie als Individuen mit persönlichen Eigenschaften wahrgenommen, sondern immer nur als "der Chinese", "der Jude", "der Schwarze", "der Moslem". 

Ein solcher Blick reduziert Menschen auf Äußerlichkeiten, Heterogenität wird getilgt, während die Elterngeneration, auch die Schwiegereltern aus Afrika, durchaus individuelle Züge bekommt. Echte Konflikte zwischen Personen gibt es dafür nicht.

Unfreiwillig hochpolitischer Film

Die Konstellation des Films ist holzschnittartig, die Story oberflächlich und allzu versöhnlich. Aber zumindest ist dies ein ehrlicher Film. Er ist das, was er sein will, Boulevardunterhaltung zum Zwecke des Kommerz. Zugleich ist "Monsieur Claude 2" das Paradebeispiel für einen Film, der vorgeblich unpolitisch ist, de facto aber darin wo er hinschaut und wo er wegblickt, hochpolitisch.

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