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Von Rüdiger Suchsland

Seit dem Jahre 2014 herrscht im Osten der Ukraine Krieg zwischen prorussischen Separatisten und ukrainischen Regierungstruppen. Der Konflikt ist mittlerweile so undurchsichtig geworden, dass die Weltgemeinschaft ihn weitgehend ignoriert. Der Regisseur Sergei Loznitsa bietet in seinem neuen Film "Donbass" eine satirisch zugespitzte Fiktion.

Lose zusammenhängende Szenen

"Donbass", der neue Film des in Berlin lebenden Weißrussen Sergei Losnitsa, bietet keine geschlossene Handlung. Vielmehr eine Aufeinanderfolge von 13 einzelnen Szenen, die wie Vignetten durch wenig verbunden sind, wobei bestimmte Figuren öfter vorkommen, Hauptfiguren gibt es nicht.

Alle spielen im Winter im Donbass-Becken, jener mehrheitlich russisch bevölkerten Region, die sich von der Ukraine abgespalten hat, und seitdem in heftige Kämpfe mit der Kiewer Zentralregierung verstrickt ist.

Diffuse Sehnsüchte und Aggressionen

Dieser Ort ist längst aufgeladen mit geopolitischen Phantasien, nationalistischen Projektionen, er ist zu einem Ort diffuser Sehnsüchte und Aggressionen geworden.

Die Szenen die Loznitsa aneinanderreiht sind mal nahezu naturalistisch, mal im Stil einer offenen Farce mit Elementen schriller Satire inszeniert, in clownesker Slapstick oder in schmerzhaft-unangenehmer Übertreibung.

Einem Journalisten wird ein Kübel Exkremente über den Kopf gekippt, ein ukrainischer Soldat wird an einem öffentlichen Pranger fast gelyncht und Laiendarsteller spielen fürs russische Fernsehen Opfer für die Nachrichten und dergleichen mehr.

Kinostart 30.08. Donbass von Sergei Loznitsa

Nationalismus ist immer falsch

Was all diese Szenen vereint, ist erkennbare Misanthropie, in der alle Menschen als hässlich und amoralisch erscheinen, und eine politische Perspektive, die sehr einseitig und unkritisch, nahe an antirussischem Propaganda-Kino pro-ukrainisch auf die Dinge blickt. Aber Nationalismus ist immer falsch, auch der Ukrainische.

Absurdes Welttheater

Das Ergebnis des Films ist in seinen besten Momenten allerdings universaler: Ein Welttheater des Absurdismus der charakterlichen Verkommenheit, des kalten Horrors aus Angst, Gewalt und Hysterie. Ein Panoptikum des Schreckens und eine Freakshow, die angeblich dem realen Leben entsprungen ist.

Blinder Fleck des Regisseurs

Vieles, was Loznitsa hier tut ist billig. Besonders seine Medienkritik ist nahe an rechtspopulistischen Verschwörungstheorien von einer allgegenwärtig waltenden Lügenpresse. 

Diffus wird auf der alten in die Jahre gekommenen Behauptung der Postmoderne herumgedroschen, dass ja alles angeblich gleiche öde Inszenierung sei. Nur der eigene Film offenbar nicht, zumindest liegt hier der blinde Fleck des Regisseurs.

Film im Film

Die wichtigste Szene ist aber die letzte: Da kehrt der Film zum Anfang zurück wo er ein Propagandafilmteam bei der Arbeit zeigte. Dann ermordet ein russischer Soldat alle Mitwirkenden in diesem Film im Film und geht. Und Loznitsas Film zeigt wie die Polizei anrückt und den Tatort absperrt.

Zu kritisieren ist hier nicht, dass Loznitsa sich auf die Seite der Hoffnungslosigkeit schlägt. Sondern der Zynismus des Films, der auch dem Zuschauer gegenüber gilt. Keine Aufklärung, sondern der Genuss an der Verwirrung.

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