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Benedikt Schwarzer dokumentiert in „Die Geheimnisse des schönen Leo“ das Doppelleben seines Großvaters. Der CSU-Politiker war enger Vertrauter von Franz-Josef Strauß, hatte eine Schwäche für das Kölner Rotlichtmilieu und verkaufte Informationen an die Stasi. War er der zweite Abgeordnete, der 1972 das Misstrauensvotum der CDU/CSU gegen Bundeskanzler Willy Brandt scheitern ließ? „Die Geheimnisse des schönen Leo“ läuft im Wettbewerb um den Deutschen Dokumentarfilmpreis.

Tagsüber Bundestag, nach Feierabend Nachtleben

Westdeutschland Ende der 60er Jahre. Es ist die Zeit der Hornbrillen und Wohlstandsbäuche. Der CSU-Politiker Leo Wagner trägt beides. Als Vertrauter von Franz-Josef Strauß ist der parlamentarische Geschäftsführer der Bundestagsfraktion ein einflussreicher Strippenzieher.

Tagsüber seriöser Politiker in Bonn, taucht der schöne Leo nach Feierabend ins Kölner Nachtleben ab. Für seinen ausschweifenden Lebenswandel braucht er Geld. Ein Besuch in seinem Stammlokal „Chez nous“ kostet gerne mal 2.000 DM.

Mein Großvater, der Stasi- Mitarbeiter

Als die Schuldenlast zu groß wird, lässt er sich von der Stasi anwerben. Sein Enkel, der junge Dokufilmer Benedikt Schwarzer hat in „Die Geheimnisse des schönen Leo“ versucht herauszufinden, was genau sein Großvater für die Stasi getan hat.

Denn bis heute steht ein ungeheuerlicher Verdacht im Raum. Leo Wagner könnte 1972 einer von zwei Abgeordneten gewesen sein, die das Misstrauensvotum gegen Bundeskanzler Willy Brandt überraschend scheitern ließen. Im Auftrag der DDR.

Endgültiger Beweis fehlt 

Schwarzer hat im Zuge seiner Recherchen eine Vielzahl von Experten und Zeitgenossen interviewt: Weggefährten, Familienangehörige, ehemalige Stasi-Mitarbeiter. Den endgültigen Beweis, dass Wagner von der DDR für seine Stimmenthaltung bezahlt wurde, kann er zwar nicht erbringen.

Es trägt aber viele Indizien zusammen. Damit hätte Leo Wagner den Lauf der deutschen Geschichte bis hin zur Wiedervereinigung entscheidend beeinflusst.

Wie es oft mit Familiengeheimnissen ist: je tiefer Schwarzer gräbt, desto verworrener wird die Ausgangslage.

Politthriller und Geschichte einer dysfunktionalen Familie

Am Ende ist noch nicht einmal mehr klar, ob Leo Wagner überhaupt sein leiblicher Großvater war. Denn der Politthriller ist zugleich die Geschichte einer dysfunktionalen Familie.

Mit großer Offenheit erzählt Schwarzers Mutter von ihrer unglücklichen Kindheit mit einer alkoholkranken Mutter und einem Vater, der sich nur alle paar Wochen zu Hause blicken ließ.

Scheinheiligkeit und Doppelmoral in der Bonner Republik   

Die Bonner Republik wird rückblickend gerne verklärt als die gute alte Zeit, als die Politiker noch aufrecht waren, die Medien weniger hysterisch und überhaupt Anstand und Moral noch was galten. Das Bild, das Benedikt Schwarzer zeichnet, ist ein anderes: es ist auch eine Zeit, in der zwielichtige Gestalten an dunklen Orten diskret Geldumschläge überreichen.

In der die Politiker nach außen den biederen Familienvater spielen, es aber gleichzeitig im Rotlichtmilieu krachen lassen. Eine Zeit der Scheinheiligkeit und Doppelmoral. Über das Beispiel seines Großvaters hinaus zeichnet Schwarzer ein düsteres Sittengemälde der Bonner Republik.

12 Filme im Wettbewerb um den Deutschen Dokumentarfilm Preis 

„Die Geheimnisse des schönen Leo“ ist einer von zwölf Filmen, die beim SWR Doku Festival im Wettbewerb um den deutschen Dokumentarfilmpreis starten.

Die Art, wie der junge Benedikt Schwarzer in seiner Abschlussarbeit für die Münchner Filmhochschule das Politische mit dem Privaten verbindet, macht den Film zu einem spannenden Stück Zeitgeschichte und trotz seiner konventionellen Inszenierung absolut sehenswert.  

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