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"Wer reinkommt, ist drin" heißt die erste Folge von Helmut Dietls unvergesslicher Serie "Kir Royal". Darin versucht ein Kleberfabrikant aus der Provinz mit der Münchner Schickeria zu feiern. Wer heute in angesagten Clubs mitfeiern darf, bestimmt der Türsteher. David Dietl, der Sohn von Helmut Dietl, hat jetzt eine Kino-Doku über drei prominente Berliner Türsteher gemacht.

Sven Marquardt, Berghain - Berlins berühmtester Türsteher

Ein Tattoo vom Kinn bis hoch an die Stirn, in der Unterlippe zwei große Piercings, dazu massive Ohrringe, ein grauer Vollbart und eine schwarze Intellektuellenbrille.

Schon allein sein Gesicht macht Sven Marquardt zu einer bemerkenswerten Erscheinung. Seit vielen Jahrzehnten arbeitet der 57–Jährige erfolgreich als Fotograf. Berühmt wurde er aber als Türsteher des Berliner Technoclubs "Berghain".

Der allmächtige Türhüter, der selbst wie in Kafkas Erzählung "Vor dem Gesetz" in Ewigkeit erfolglos Einlass begehrt, das wäre ein schöner Ausgangspunkt für philosophische Überlegungen über Macht und Ohnmacht des Türstehers. Doch solche Metaebenen zieht "Berlin Bouncer" nicht ein.

Im Berliner Nachtleben hängengeblieben

Mehrere Jahre lang hat der Filmemacher David Dietl drei bekannte Berliner Türsteher begleitet: Sven Marquardt, Frank Küster und Smiley Baldwin sind seit Jahrzehnten in der Szene tätig. Alle eingestiegen im großen Umbruch der Wendezeit, alle seitdem irgendwie im Nachtleben hängen geblieben.

Kinostart 11.04. Berlin Bouncer von David Dietl

David Dietl konzentriert sich auf die Beschwörung der Vergangenheit

Anhand ihrer Geschichte lässt sich zugleich die Entwicklung der Feierkultur Berlins erzählen - von der anarchistischen Freiheit nach 1989 bis zum internationalen Clubtourismus von heute. Und die Gentrifizierung macht auch vor den Pilgerstätten der Subkultur nicht Halt.

Der Film hätte das Zeug zu einer präzisen Zeitgeiststudie des Nachtlebens, doch Dietl konzentriert sich mehr auf die Beschwörung der Vergangenheit. Es schwingt viel Nostalgie mit, wenn die Türsteher die Orte verschwundener Feier-Hotspots besuchen und sich an die wilden 90er erinnern.

Frank Künster, "King Size" - der Türsteher als "Exzessbetreuer"

Die drei Türsteher erzählen davon, wie sie diesen Wandel erlebt haben und wie sie ihren Job verstehen. Der bärige Frank Künster, lange Jahre an der Tür des "King Size", interpretiert seine Rolle extrem zugewandt. Er sieht sich als eine Art "Exzessbetreuer".

Man würde gerne noch mehr darüber erfahren, was die Türsteher über ihre Rolle denken. Welche Partygängertypen es gibt. Nach welchen Kriterien sie auswählen. Wie sie mit dem Unmut der Abgelehnten umgehen.

Film zeigt keinen Blick hinter die Kulissen

Ob sie die Macht, die sie haben, nicht auch genießen. Und wenn man schon Sven Marquardt als Protagonisten hat, wäre es natürlich auch spannend, einen Blick hinter die Kulissen des sagenumwobenen "Berghain" zu werfen.

Aber Dietl beobachtet die Türsteher nicht lange in Aktion an der Tür, sondern begleitet sie stattdessen durch ihr Privatleben.

Verschenkte Chance auf Einblick in die Clubszene

Der Mehrwert hält sich stark in Grenzen. Und der Film verschenkt die Chance, die Tür zu einer Szene zu öffnen, über die man wenig weiß. Als Zuschauer hat man am Ende das unbefriedigende Gefühl, zu denen zu gehören, die heute Abend leider draußen bleiben müssen.

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