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Von Julia Haungs

Homosexualität ist eine Sünde und muss bekämpft werden, davon sind auch heute noch viele Menschen weltweit überzeugt. In den USA gibt es die umstrittene Reparativtherapie: In Umerziehungs-Camps sollen aus Homosexuellen zu Heterosexuellen werden. Von einem solchen Camp erzählt der Film "Der verlorene Sohn" von Joel Edgerton.

Coming Out im erzkonservativen Bible Belt der USA

Sein Geständnis, Männer zu lieben, verändert für Jared alles. Bisher führte der 19-Jährige das Leben eines All American Boy: guter Basketballer, nette Freundin, liebevolles Elternhaus. Nach seinem Coming Out bricht für seine Eltern eine Welt zusammen. Der Vater ist Bapistenprediger im erzkonservativen Bible Belt der USA.

Ein Camp soll das Schwulsein rückgängig machen

Seinen Eltern zuliebe macht Jared, gespielt von Lucas Hedges, eine christliche Reparativtherapie für Homosexuelle. "Durch Schein zum Sein". Schon der Slogan des "Love in Action"-Camps entlarvt die ganze Scheinheiligkeit des Unterfangens.

Die Therapie beruht auf der Annahme, dass Homosexualität keine Veranlagung ist, sondern eine Entscheidung, die man mit ein bisschen Anstrengung auch wieder rückgängig machen kann. Deswegen sollen sich die Patienten zunächst einmal in "echter Männlichkeit" üben. Unter Anleitung des selbst ernannten Therapeuten Victor Sykes üben sie, breitbeinig zu stehen oder einen Baseball wuchtig zu schlagen. Männlichkeit wird hier zu einer Art Schutzpanzer, die keine Abweichungen von der Norm zulässt.

Kinostart 21.02. Der verlorene Sohn von Joel Edgerton

Seelenstriptease vor laufender Kamera

Die kommenden zwölf Tage müssen die Patienten vor laufender Kamera intime Details aus ihrem Sexualleben beichten oder in Diagrammen aufzeichnen, welche Familienmitglieder mit Übeln wie Alkoholismus, Spielsucht oder Kriminalität kämpfen.

Brutale Übergriffe zeigt "Der verlorene Sohn" bis auf eine Ausnahme nicht. Doch es schwingt immer mit, dass es denjenigen schlecht ergeht, die dauerhaft in eines der Häuser des Camps eingewiesen werden. Wer da einmal drin ist, kommt so schnell nicht mehr raus.

Film basiert auf dem autobiographischen Buch "Boy Erased"

Die Schilderung der Konversionstherapie zwischen Budenzauber und Psychofolter beruht auf dem autobiographischen Buch "Boy Erased" von Garrard Conley. Regisseur und Drehbuchautor Joel Edgerton erzählt dessen Geschichte ohne jede Sensationsgier.

Er selbst übernimmt die Rolle des undurchsichtigen Campleiters Victor Sykes und lässt offen, inwiefern der Guru eigentlich an seine haarsträubenden Maßnahmen glaubt oder ob es ihm vor allem ums Geschäft geht. Denn die Therapie ist nicht ganz billig.

Trotzdem gibt es in den USA eine rege Nachfrage nach reparativen Therapien. Der Film spricht von 700.000 Amerikanern, die sich in einer solchen Behandlung befinden. Die psychischen und seelischen Folgen sind oft massiv.

Nicole Kidman und Russell Crowe glänzend besetzt als überforderte Eltern

Dieses Thema vertieft Joel Edgerton allerdings nicht, sondern konzentriert sich darauf, wie die religiösen Eltern nach Jareds Therapieabbruch mit seiner Homosexualität umgehen. Die Eltern sind mit Nicole Kidman und Russell Crowe glänzend besetzt. Sie machen nachvollziehbar, wie stigmatisiert das Thema Homosexualität in bestimmten Milieus auch heute noch ist.

Film überrascht erst im Abspann

Der Film verläuft in erwartbaren Bahnen. Eine echte Überraschung hält dann erst der Abspann bereit. Der verrät, dass der wahre Victor Sykes sich mittlerweile aus der Konversionstherapie zurückgezogen hat und in Texas lebt, mit seinem Ehemann.

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