40. Festival Max-Ophüls-Preis

"Das Melancholische Mädchen" von Susanne Heinrich gewinnt den Max-Ophüls-Preis

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Von Rüdiger Suchsland

"Das Melancholische Mädchen" von Susanne Heinrich hat beim 40. "Festival Max-Ophüls-Preis", dem wichtigsten Treffen für deutschsprachige Nachwuchsfilmer, gewonnen. Damit erteilte die Jury dem konfektionierten, formatierten, von Fördergremien und Fernsehredakteuren abhängigen deutsche Mehrheitskino eine entschlossene Absage. Das Festival ist am 20. Januar 2019 zu Ende gegangen.

Das Saarbrücker Filmfestival als Seismograph 

Was ist der Stand des deutschen Kinos, was sind erste Themen und Tendenzen, die das Filmjahr womöglich prägen werden? Zur Auslotung dieser Fragen ist Saarbrücken seit jeher ein recht verlässlicher Seismograph.

Weltpremiere von „Das Ende der Wahrheit" zur Eröffnung 

So lief in diesem Jahr unter anderem ein Zombiehorrorfilm und der Film einer Comic-Künstlerin. Eröffnet wurde am 14. Januar mit einer Weltpremiere des Films "Das Ende der Wahrheit". Regisseur Philipp Leinemann ist eine der interessantesten Genrefilmregisseure Deutschlands. Sein Polizeifilm "Wir waren Könige" wurde 2014 viel gelobt. Schon hier warf Leinemann einen Blick hinter die hochkomplexe Organisation und Arbeitsweise staatlicher Institutionen.

Politthriller mit Ronald Zehrfeld

"Das Ende der Wahrheit" ist ein brisanter Politthriller: Ronald Zehrfeld spielt Martin Behrens, den Zentralasien-Experten des BND. Anfangs überzeugt vom Antiterrorkampf, wachsen in ihm zunehmend Zweifel an der Arbeit des deutschen Geheimdienstes und an der Integrität seiner Vorgesetzten.

Nachdem im letzten Sommer die Frage nach den internationalen Verstrickungen der Geheimdienste in den Fokus der öffentlichen Debatte gerückt ist, wirkt das Szenario des Films plausibel. 

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Porträt des Schauspielers Helmut Berger

Ein besonders spannender Dokumentarfilm ist der Regisseurin Valesca Peters gelungen: "Helmut Berger, meine Mutter und ich", ein Porträt des berühmten Schauspielers Helmut Berger war ebenfalls eine Weltpremiere.

Der schönste Mann der Welt

Berger spielte Hauptrollen in vielen Kino-Meisterwerken, etwa den bayerischen Märchenkönig Ludwig II. im Film von Luchino Visconti. Er war eine Ikone der Schwulen- und Bisexuellenbewegung, und galt einmal als der schönste Mann der Welt. Berger war ein Pin-Up-Boy in einer Zeit, als Männer das noch nicht sein durften. In den letzten Jahren schockte er viele Fans, weil er unter anderem im Dschungelcamp auftrat.

Die Filmemacherin Valesca Peters nähert sich dem Menschen Helmut Berger. Während der Weltstar von seinem Leben vor und hinter der Kamera erzählt, verwischen die Grenzen zwischen Kinomythen und persönlichen Erinnerungen.

 

Deutschsprachiges Kino der letzten 40 Jahre zum Jubiläum 

In einer Filmreihe zum Jubiläum unternahm das Festival einen Parcours durch das deutschsprachige Kino der letzten 40 Jahre und zeigte unter anderem Christian Petzolds fast vergessenen Debütfilm "Pilotinnen".

Außerdem lief der Film "Ex" von Mark Schlichter, bei dem 1995 unter anderem Christiane Paul, Florian Lukas, Rolf Peter Kahl und Anna Thalbach zu sehen waren. Ein wilder Berlin-Film, der die Hauptstadt so zeigt wie sie heute nicht mehr existiert: Jung und wild, im Taumel des Rausches und außer Kontrolle; ein Leben auf der Überholspur. Dazu lief auch ein Klassiker aus der Zeit des Aufbruchs der Schwulenbewegung: "Westler" aus dem Jahr 1985 stammt von Wieland Speck, der über ein Vierteljahrhundert die Sektion Panorama der Berlinale leitete, und damals von einer Ost-West-Liebe vor dem Mauerfall erzählte. Das „Festival Max-Ophüls-Preis“ in Saarbrücken ist also auch in diesem Jahr ein Festival, das sich lohnt.

Filmfestival benannt nach dem Regisseur Max Ophüls

Im Jahr 1933 drehte Max Ophüls seinen letzten Film in Deutschland bevor er in die Emigration gezwungen wurde: "Liebelei" mit Paul Hörbiger, Luise Ullrich und Gustaf Gründgens. Die Vorlage für das Melodram und Sittengemälde lieferte kein Geringerer als Arthur Schnitzler. Fast 47 Jahre später wurde Ophüls zum Namenspatron des Filmfestivals seiner Heimatstadt Saarbrücken, des Festivals Max-Ophüls-Preis.

"Die Kandidaten" von Michael Schwarz

Für junge Regisseure auf der Suche nach einem Verleih ist das Filmfestival Max Ophüls-Preis ein absoluter Pflichttermin. Das gilt auch für Michael Schwarz. Der Mainzer Filmemacher zeigt dort seinen ersten abendfüllenden Dokumentarfilm "Die Kandidaten". Darin hat er rheinland-pfälzische Jungpolitiker im Wahlkampf zur Bundestagswahl 2017 porträtiert.

Würstchen grillen, Würstchen verschenken, mit Bier anstoßen

Thomas Hitschler ist einer der "Kandidaten", die Dokumentarfilmer Michael Schwarz im Bundestagswahlkampf 2017 begleitet hatte. Er grillt Würstchen, verschenkt Würstchen, stößt mit Bier an, macht Witze und grillt Würstchen, verschenkt Würstchen, stößt mit Bier an, macht Witze.

Jungfilmer beobachten Jungpolitiker

"Die Kandidaten" ist der erste Langfilm produziert von seiner kleinen Firma Nachtschwärmer. Hier wird viel selbst gemacht. Sein Produzent Alexander Griesser war zum Beispiel auch eigenhändig für die Kamera zuständig. Insgesamt sechs Jungpolitiker aller nun im Bundestag vertretenen Parteien haben die beiden über Wochen begleitet.

Rheinland-pfälzische Nachwuchs-Wahlkreiskümmerer

Entstanden ist ein vielschichtiges Porträt der rheinland-pfälzischen Nachwuchs-Wahlkreiskümmerer. Für ihre politischen Ideale brennen sie und laufen sich die Hacken ab. Der Film folgt sechs "Kandidaten" in Parteiversammlungen und Fernsehstudios, vor allem in Fußgängerzonen und auf Volksfeste. Politiker ist ein beinharter Job, wer da im täglichen Kampf bestehen will, muss für die Sache brennen.


Michael Schwarz stammt aus Nürnberg. Nach dem Abi absolvierte er Ausbildung zum Mediengestalter. Ein Studium der Film- und Theaterwissenschaft brachte ihn nach Mainz, dort hat er den Dokumentarfilm für sich entdeckt. "Die Kandidaten" feiert seine Firma Nachtschwärmerfilm beim Max Ophüls Festival Premiere und läuft im Dokumentarfilm-Wettbewerb.

Zombies und Männer mit Problemen

130 neue deutschsprachige Filme sind in diesem Jahr beim Festival Max-Ophüls-Preis zu sehen. In den ersten Tagen gab es noch keine formal ungewöhnlichen, ästhetisch überraschenden Werke zu entdecken, eher privatistische Etüden über Zweierbeziehungen.

Postapokalyptischer Survival-Thriller

"Endzeit" von Carolina Hellsgard ist ein deutscher Zombiefilm und muss sich hinter den Hollywood-Vorbildern keineswegs verstecken.

Dieser postapokalyptische Survival-Thriller im diesjährigen Wettbewerb um den Max-Ophüls-Preis ist spannend und furios erzählt und ragt aus dem Programm heraus.

Frauen sind widerstandsfähiger

Er besticht auch dadurch, dass seine Figuren fast ausnahmslos Frauen sind. Diese sind offenbar widerstandfähiger gegen die Bedrohung aus der Unterwelt und einfach besser im Kampf ums Überleben. Frauenpower etwas anderer Art.

Interesse für Genrefilme

Solche ungewöhnlichen Stoffe und das konstante Interesse für Genrefilme, schon der Eröffnungsfilm am Montag war ein Politthriller, findet man immer wieder in Saarbrücken.

Viel Erwartbares im Wettbewerb

Die Mehrzahl der Filme erzählt in diesem Jahr allerdings Erwartbares: Weibliches und männliches Selbstverhältnis, Selbstfindung und Beziehungsgeschichten.

Selten drehen diese sich um ganz junge Paare, eher scheint es sich um einen leicht beunruhigten Blick der Mitt- oder Spätzwanziger-Regisseure auf ihre eigene Zukunft in zehn bis 15 Jahren zu handeln.

Beziehungs-Routine

Ein Paar auf Urlaub langweilt sich miteinander. Eine Ex-Liebe flammt wieder auf und stört den Alltagstrott. Ein einsamer Kauz verfolgt als Spanner eine Frau und lernt sie schließlich kennen, was die Lage auch nicht verbessert.

Die neue Angst der Männer

Das neue Thema: Die Ängste der Männer, ihre Zweifel an ihrer Väterrolle und die Kinder dazu. Was passiert mit ihnen nach der Trennung? Dass Kinder plötzlich für Erwachsene so wichtig werden, ist wirklich neu im deutsche Kino.

Kino ist allerdings weder Paartherapie noch Ersatz fürs Jugendamt. Da ist die Geschichte über die Liebe eines Geschwisterpaares in den 50er Jahren, die Peter Evers erzählt, schon das Interessanteste.

Bemerkenswertes Männer- und Männlichkeitsportrait

Eine gestörte Familie steht am Anfang eines weiteren bemerkenswerten Films. Der Schweizer Beitrag "Der Läufer" von Hannes Baumgartner basiert auf einer wahren Geschichte.

Dem Fall des Schweizer Spitzensportlers Mischa Ebner, der mehrere Frauen brutal attackierte und schließlich 2002 eine junge Frau tötete.

Im Film hat er einen anderen Namen. Die Geschichte, in der Max Hubacher die doppelgesichtige Hauptfigur spielt, verstört auch dadurch, dass der Spitzensportler vordergründig ein vollkommen normales Leben führt.

Als freundlicher Koch, einer der mit seiner Kollegin flirtet, und auch sonst eine perfekte Maske trägt. In seinem Inneren aber toben Dämonen.

Sehnsucht nach Perfektion

"Der Läufer" ist ein bemerkenswertes Männer- und Männlichkeitsportrait. Die Hauptfigur ist einer, der alles in sich hineinfrisst, und in jeder Hinsicht perfekt sein will.

Irgendwann platzt der innere Druck und entlädt sich in Gewalt. Weil der Film nahe dran ist an seiner Figur, sorgt er für Empathie. Immer wieder zeigt Baumgartner Träume und Visionen.

Hoffnung auf spannende Filme

Formal wilde Filme und ungewöhnlich erzählte Stoffe wie beim letztjährigen Gewinnerfilm "Landrauschen" suchte man an den ersten beiden Festivaltagen vergebens.

Aber bei noch mehr als drei ausstehenden Tagen gibt es Hoffnung: So steht "Electric Girl" noch aus, von der bekannten Comic-Autorin Ziska Riemann. Und "Stern", Anatol Schusters Film über eine 90-jährige Frau, die durch Berlin flaniert, weil sie sich eine Schusswaffe besorgen will. Denn sie will sterben.

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