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ARD-Miniserie „Ein Hauch von Amerika": Zeitpanorama mit Herz

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Die Pfalz Anfang der 1950er Jahre: Der Zweite Weltkrieg ist noch tief im Bewusstsein, da werden rund 100.000 amerikanische Soldaten in der Region stationiert. Die einen feiern sie als Befreier, die anderen empfinden sie als Besatzer. Die Sprache versteht keiner und die Kultur ist „lasterhaft“. Die sechsteilige Serie ist aber auch die rührende Liebesgeschichte einer jungen Bauerntochter und eines schwarzen GIs. Dabei vermeidet sie geschickt die üblichen Kitschfallen.

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Cola und Swing statt Rüben und Kartoffeln

„Ein Hauch von Amerika“ erzählt von der Freundschaft zweier sehr unterschiedlicher jungen Frauen in dem fiktiven Örtchen Kaltenstein in der Pfalz. Marie ist die Tochter der armen Bauernfamilie Kastner, ihre beste Freundin Erika die Tochter des Bürgermeisters. Marie kämpft in der US-Kaserne um das Land ihrer Familie, Erika wirft sich mit Hüftschwung und rotem Lippenstift den GIs in die Arme. Cola, Swingmusik und Zigaretten statt Rüben und Kartoffeln: Plötzlich sind Freiheit und Abenteuer für die Dorfjugend greifbar.

Filmstill (Foto: SWR)
Aufbruchsstimmung in der pfälzischen Provinz 1951: Die Amerikaner machen sich breit im beschaulichen Kaltenstein. Mit tragischen Folgen für die Bauernfamilie Kastner: Nach der Explosion einer alten Fliegerbombe auf ihrem Kartoffelacker zerstört ein amerikanischer Panzer die Ernte. Bild in Detailansicht öffnen
Der Fahrer des Panzers, ein schwarzer GI namens George (Reomy D. Mpeho), will den Schaden wieder gut machen. Bild in Detailansicht öffnen
George ist sofort fasziniert von der Bauerntochter Marie (Elisa Schlott). Bild in Detailansicht öffnen
Ihre beste Freundin Erika (Franziska Brandmeier), Tochter des Bürgermeisters Strumm, ist begeistert von dem Lebensgefühl, das die Amerikaner in das verschlafene, konservative Kaltenstein bringen. Bild in Detailansicht öffnen
In der Kaltensteiner Postschänke amüsiert sich Erika mit den Amerikanern. Besonders auf Sergeant Bill (Artjom Gilz), der rechten Hand von Colonel McCoy, hat sie ein Auge geworfen. Bild in Detailansicht öffnen
Mit ihm hofft sie auf die Chance in Amerika ein neues Leben anzufangen. Für Bill ist sie vor allem ein attraktives deutsches Fräulein. Bild in Detailansicht öffnen
George und seine schwarzen Kameraden erleben in Deutschland zum ersten Mal einen Hauch von Freiheit. Bild in Detailansicht öffnen
Marie nimmt einen Job auf der Army-Base im Haushalt des leitenden Colonel Jim McCoy an, um den Hof und die Existenz ihrer Familie zu retten. Und auch privat wagt Marie den Schritt in eine neue Welt. Sie trifft sich mit George zum Tanzen und bringt ihm Deutsch bei. Bild in Detailansicht öffnen
Als George und Marie ihre Liebe leben wollen, sind sie mit den moralischen Normen der 1950er Jahre konfrontiert. Ein Zusammensein scheint weder in Deutschland noch in Amerika möglich. Bild in Detailansicht öffnen

Kitschfallen geschickt vermieden

Die weißen GIs pflegen in den eigenen Reihen aber auch die Rassendiskriminierung, worunter vor allem Private George Washington zu leiden hat. Marie fühlt er sich seelenverwandt und es ist schon sehr rührend zu beobachten, wie Elisa Schlott und Reomy D. Mpeho diese zarte Liebe verkörpern, gegen alle Sprach- und Kulturbarrieren. Die Serie hätte auch in ein paar ordentliche Kitschfallen tappen können. Die meisten umgeht sie aber ziemlich geschickt.

Historikerin Maria Höhn — selbst in der Pfalz aufgewachsen — berät die Serie:

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Veränderte Wahrnehmung der Welt

Längst nicht alle Figuren sind so groß und vielschichtig wie Marie oder Erika und längst nicht alle so entwaffnend sympathisch wie George. Als Zeit- und Gesellschaftspanorama mit Herz ergänzt die Serie aber gut das Feld, das Edgar Reitz’ „Heimat“-Reihe schon vor vielen Jahren beackert hat und das auch an unserer Gegenwart noch überraschend nah dran ist.

Alter Glaube trifft auf modernen Kapitalismus, Naziideen vom Herrenmenschentum sind noch oder wieder weit verbreitet, gleichzeitig fallen die Ideen von moderner Kunst, von Freiheit und Gleichheit auf fruchtbaren Boden. Der „Hauch von Amerika“ verändert gerade bei den Jungen die Wahrnehmung der Welt. Bis zu einem freien Leben für ein Paar wie Marie und George ist es aber noch ein sehr, sehr weiter Weg.

Kunscht über „Ein Hauch von Amerika“:

„Ein Hauch von Amerika“ in der ARD Mediathek und ab 1.12. im Ersten

Gespräch Fernsehfilmfestival Baden-Baden: Fernseh-Filme in Krisenzeiten

„Die jungen Menschen liegen mir sehr am Herzen, schon weil sie ganz andere Sehgewohnheiten haben als meine Generation“, sagt die Leiterin des Baden-Badener Festivals Cathrin Ehrlich. Junge Menschen würden vor allem Streaming-Dienste schauen und eher Serien als den klassischen 90-Minüter. Das Fernsehfilmfestival werde darauf reagieren. Die Tradition „des einzigartigen 90-Minüters“ werde weiter gepflegt, aber gleichzeitig werde man sich öffnen und zum Beispiel Serien in Zukunft sicherlich einen größeren Raum geben.
Ein anderes Thema, das das Fernsehfilmfestival in diesem Jahr beschäftigt, ist die NS-Vergangenheit des 2003 gestorbenen Festival-Mitgründers Hans Abich. Hans Abich war während des Zweiten Weltkrieges im NS-Propaganda-Ministerium beschäftigt. In einem ZEIT-Artikel vom 11.11.2021 wird geschildert, wie Hans Abich damals „willig als Propagandahelfer arbeitete.“
„Wir waren alle sehr geschockt“, sagt Cathrin Ehrlich. Die Deutsche Akademie der Darstellenden Künste, die das Baden-Badener Festival ausrichtet, werde nun genau prüfen, was Abich von seiner NS-Vergangenheit verschwiegen habe. Der Hans Abich-Preis werde in diesem Jahr daher nicht als Hans Abich-Preis verliehen. Man dürfe nicht so tun, als ob das eine Kleinigkeit sei, über die man einfach so hinweggehen könne, meint Festivalleiterin Cathrin Ehrlich.  mehr...

SWR2 Journal am Mittag SWR2

Gespräch Großartige Charakterdarstellerin: Anke Engelke als Mutter im Kinofilm „Mein Sohn"

Seit ihrer Kindheit steht Anke Engelke vor der Kamera - sie ist eine Berühmtheit, überzeugt seit Jahrzehnten im Showgeschäft als Moderatorin, Synchronsprecherin und Komikerin - und wurde dafür mehrfach ausgezeichnet. Aber Anke Engelke ist schon seit vielen Jahren auch eine verdammt gute Schauspielerin. Wie gut, stellt sie in ihrer ernsten Hauptrolle in Lena Stahls Kinofilm „Mein Sohn" erneut unter Beweis. In dem Road-Movie spielt sie die Rolle der Marlene, eine Fotografin und sorgenvolle Mutter, die ihren wilden, freiheitsliebenden Sohn Jason (gespielt von Jonas Dassler) nach einem schweren Skateboard-Unfall zur Reha in die Schweiz bringt. Die Fahrt wird zur Zerreißprobe zwischen Mutter und Sohn und offenbart ein Beziehungsdrama. Dabei weiß „Mein Sohn" der Ernsthaftigkeit des Themas überzeugend auch mit Komik zu begegnen und fordert die Schauspieler*innen bis zum letzten heraus. In SWR2 erzählt Anke Engelke von tiefgreifenden Erfahrungen bei den Dreharbeiten und von zahlreichen Analogien, die sie im Verhältnis von Marlene und Jason zu vielen Eltern-Kind-Konstellationen und Freundschaften im realen Leben sieht.  mehr...

SWR2 am Samstagnachmittag SWR2

Film „Dopesick": Aufrüttelnde Serie mit Michael Keaton über die Opioidkrise in den USA

Mehrere hunderttausend Menschen in den USA sind bisher in der sogenannten „Opioid-Krise“ gestorben. Sie schwelt seit fast 20 Jahren und hat Ende der 1990er Jahre begonnen. Die Serie „Dopesick“ von Regisseur Barry Levinson erzählt die Geschichte aufrüttelnd und berührend. Michael Keaton spielt darin einen Landarzt, der wie viele andere auf die Versprechungen der Pharmaindustrie hereinfällt.  mehr...

SWR2 am Morgen SWR2

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