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„An einem schönen Morgen“: Melancholisches Porträt einer jungen Frau mit Léa Seydoux

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AUTOR/IN
Rüdiger Suchsland

Mitten in ihrem etwas tristen Alltag trifft die Übersetzerin Sandra einen alten Freund wieder. Zwischen ihnen flammt eine lange verborgene Liebe auf. Sie beginnt eine Affäre mit dem verheirateten Mann und kümmert sich gleichzeitig um ihren dementen Vater. Regisseurin Mia Hansen-Løve verarbeitet in diesem Film den nahenden Tod ihres Vaters. Es geht um die Liebe und den Tod, ohne jedes Pathos.

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Mia Hansen-Løve verarbeitet nahenden Tod ihres Vater

Léa Seydoux ist mittlerweile ein Star des internationalen Kinos. Für ihre Rolle in „An einem schönen Morgen", der dieses Jahr in Cannes lief, hat die Französin diesmal allen künstlichen Glamour abgelegt. Die Filme der französischen Regisseurin Mia Hansen-Løve haben fast immer einen autobiografischen Hintergrund. In „Bergman Island" hatte sie zuletzt ihre Lebenspartnerschaft mit dem Regiekollegen Olivier Assayas reflektiert. Jetzt verarbeitet sie die Krankheit und den nahenden Tod ihres Vaters, eines Übersetzers und Literaturprofessors.

 

Filmstill (Foto: Weltkino Filmverleih)
Sandra (Léa Seydoux), Mitte 30, lebt in Paris und zieht ihre Tochter allein groß. Ein alter Freund tritt wieder in Sandras Leben, den sie aus den Augen verloren hatte. Obwohl Clément (Melvil Poupaud) bereits liiert ist, flammt zwischen den beiden eine zuvor verborgene Leidenschaft auf. Weltkino Filmverleih

„Und was machen wir mit seinen Büchern?"

Auch wenn sein Alter Ego im Film Sandra kaum mehr erkennt, sprechen Vater und Tochter über Literatur und Musik. Das Milieu ist bildungsbürgerlich. Wenn der Vater ins Pflegeheim kommt und seine Wohnung aufgelöst wird, stellt sich vor allem eine Frage: „Und was machen wir mit seinen Büchern?"

Filmstill (Foto: Weltkino Filmverleih)
Neben ihrem Job als Übersetzerin kümmert sich Sandra liebevoll um ihren kranken Vater (Pascal Greggory), für den sie ein geeignetes Heim sucht. Weltkino Filmverleih

Bewegendes Drama um die großen Fragen des Lebens

Unaufgeregt und ganz selbstverständlich wechseln die Schauplätze: Sandras Arbeitsplatz als Simultanübersetzerin in der Sprecherkabine, die Flure im Pflegeheim, das Schlafzimmer in ihrer Wohnung und immer wieder Paris. Mit dem Liebespaar flanieren wir durch die Parks und Straßen, besuchen Restaurants und das Musée Marmottan mit Monets berühmten Seerosen. Da wird viel geredet und viel geküsst.

Filmstill (Foto: Weltkino Filmverleih)
Regiseurin Mia Hansen-Løve über ihre Hauptdarstellerin Léa Seydoux: „Ich wollte sie ihrer verführerischen Attribute entledigen. Sie mit kurzen Haaren zu zeigen, ist ein Teil davon. Ich wollte sie als Mutter filmen, in ihrem Alltag, bei der Ausübung ihrer Arbeit. Sie wird nicht nur als begehrenswerte Frau gesehen, sie schaut auch viel auf die anderen.“ Weltkino Filmverleih

Mia Hansen-Løve vermeidet jedes Pathos

Es geht um die großen Fragen des Lebens, die Liebe und den Tod. Dabei vermeidet Mia Hansen-Løve jedes Pathos. Sie zeigt viel Gespür für Tempo und Atmosphäre. Léa Seydoux hat diesmal allen künstlichen Glamour abgelegt. Niemand kann so unendlich traurig blicken wie sie und im nächsten Moment dann wieder glücklich. Das ist das unaufdringliche, melancholische Porträt einer jungen Frau. Wunderbar beiläufig, bewegend und wahr.

Trailer „An einem schönen Morgen“ ab 8.12. im Kino

Filmkritik Emily Atefs neuer Film „Mehr denn je": Ein gutes Leben mit dem Tod

Wie lebt man mit der Erkenntnis, sterbenskrank zu sein? In ihrem neuen Spielfilm „Mehr denn je“ findet die Regisseurin Emily Atef einen unsentimentalen Ton für ihre Geschichte vom Sterben. Die Hauptfigur Hélène leidet an einer tödlichen Lungenkrankheit. Eine Diagnose, die sie von ihren Liebsten entfernt. Trost findet sie in der Verschmelzung mit der Natur. Ein mutmachender Film über ein angstbesetztes Thema.

SWR2 am Morgen SWR2

Film „Bergman Island“ von Mia Hansen-Løve

Die Insel Fårö in der Ostsee: Drehort und Lebensmittelpunkt von Regielegende Ingmar Bergman bis zu seinem Tod 2007. Hier entstand unter anderem „Szenen einer Ehe“. In Mia Hansen-Løves Film „Bergman Island“ begibt sich ein Künstlerpaar auf die Insel, wo bald die Grenzen von Realität und Fiktion verschwimmen. Der Film mit Vicky Krieps, Tim Roth und Mia Wasikowska hat seinen deutschen Kinostart am 4. November 2021.

Film „Crimes of the Future“: David Cronenberg entwirft eine dystopische Welt ohne Schmerzen

„Bodyhorror" - dieses Wort steht wie kein zweites für das Werk des kanadischen Regisseurs David  Cronenberg. In seiner neuen ebenso verstörenden wie sinnlichen Science-Fiction-Fantasy hat er einen hochkarätigen Cast versammelt. Viggo Mortensen, Léa Seydoux und Kristen Stewart erzählen von einer dystopischen Welt, in der es keine Schmerzen gibt, dafür künstliche Organe, die Geschwüren gleichen und in der der menschliche Körper zum Objekt schräger Kunstperformances geworden ist.

SWR2 am Morgen SWR2

Film „France“ von Bruno Dumont: Léa Seydoux als skrupellose Trash-TV Reporterin

Im neuen Film von Bruno Dumont, der 2021 bei den Filmfestspielen von Cannes lief, spielt Léa Seydoux eine prominente TV-Journalistin und Kriegsreporterin. Eine scharfe, zugleich gelegentlich grobe Satire über Ruhm, Medien und Cancel Culture.

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Rüdiger Suchsland