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„Alle reden übers Wetter“: Regie-Debüt von Annika Pinske über eine Akademikerin in der Provinz

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AUTOR/IN
Rüdiger Suchsland

Bevor Annika Pinske an der Deutschen Film- und Fernsehakademie in Berlin studierte, war sie Regieassistentin von Maren Ade bei „Toni Erdmann“. Ihrem Abschlussfilm merkt man diese sehr besondere Verbindung von Ernst und Humor ein bisschen an. Im Zentrum des Films steht eine Philosophie-Doktorandin die in Mecklenburg-Vorpommern ihre Verwandtschaft besucht. Akademische Metropolen-Mentalität trifft auf urwüchsiges Provinz-Bewusstsein.

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Sprachrituale und verbale Scheingefechte

Dieser Film ist eine Komödie über die Universität, spezielle Sprachrituale und Mode-Diskurse im gegenwärtigen geisteswissenschaftlichen Betrieb, die Außenstehenden komplett absurd vorkommen. Im Zentrum steht die junge begabte Dozentin, die trotz aller akademischen Erfolge das Gefühl hat, irgendwie nicht richtig dazu zu gehören.

Alle reden übers Wetter (Foto: Pressestelle, ©Grandfilm)
Clara (Anne Schäfer) hat es geschafft. Weg aus der ostdeutschen Provinz führt sie als Dozentin ein unabhängiges Leben in Berlin und macht ihren Doktor in Philosophie. Pressestelle ©Grandfilm Bild in Detailansicht öffnen
Zwischen ihren beruflichen Ambitionen, einer Affäre mit einem ihrer Studenten und der fordernden Freundschaft zu ihrer Doktormutter Margot (dritte von li. Judith Hofman) bleibt wenig Zeit für die Familie. Pressestelle ©Grandfilm Bild in Detailansicht öffnen
Als Clara (Anne Schäfer) mit ihrer 15-jährigen Tochter zum 60. Geburtstag ihrer Mutter Inge (Anne-Kathrin Gummich) zurück in die Heimat fährt, wird sie mit ihrem Ideal von einem freien, selbstbestimmten Leben konfrontiert. Pressestelle ©Grandfilm Bild in Detailansicht öffnen
Wie hoch ist der Preis, den sie dafür zahlen muss? Pressestelle ©Grandfilm Bild in Detailansicht öffnen
Regisseurin und Drehbuchautorin Annika Pinske über ihre Protagonistin: "Clara hat sich von den gesellschaftlichen Erwartungen als Frau und Mutter und zeitgleich von ihrem provinziellen Herkunftsmilieu emanzipiert. Sie sucht nun nach ihrem Platz im Bildungsbürgertum. Immer begleitet von Scham und Minderwertigkeitskomplexen, weil Herkunft nichts ist, was man einfach abstreifen kann." Pressestelle GRANDFILM GmbH - Simmelbauer Bild in Detailansicht öffnen

Fremd unter Akademikerkindern

Sie stammt nicht aus einer Akademikerfamilie, und fühlt sich fremd, unter den ganzen Bürgerkindern. Bei einer Feier unter Kollegen steht sie nicht zu ihrer ostdeutschen Herkunft und antwortet auf den Beruf des Vaters mit einer Lüge: "Diplomat". Zu den bildungsbürgerlichen Westbiografien um sie herum scheint die ehemalige DDR nicht recht zu passen. In den Semesterferien fährt Clara zurück ins ländliche Mecklenburg-Vorpommern und fühlt sich nun bei ihrer Familie fremd.

Die feinen Unterschiede einer Gesellschaft

"Alle reden übers Wetter" ist ein ernsthafter und sensibler Film über Herkunft und die feinen Unterschiede, dîe eine Gesellschaft spalten. Auch diejenigen, die nicht studieren, denen Identitäts- und sprachpolitische Fragen unnötig oder albern vorkommen, sind meistens guten Willens und in den wenigsten Fällen politische Extremisten. So nimmt dieser Film gegenseitige Vorurteile aufs Korn. 

Alle reden übers Wetter - Regie und Buch - Annika Pinske (Foto: Pressestelle, GRANDFILM GmbH - Simmelbauer)
Regisseurin und Drehbuchautorin Annika Pinske über ihre Protagonistin: "Clara hat sich von den gesellschaftlichen Erwartungen als Frau und Mutter und zeitgleich von ihrem provinziellen Herkunftsmilieu emanzipiert. Sie sucht nun nach ihrem Platz im Bildungsbürgertum. Immer begleitet von Scham und Minderwertigkeitskomplexen, weil Herkunft nichts ist, was man einfach abstreifen kann." Pressestelle GRANDFILM GmbH - Simmelbauer

Es ist ein Verdienst dieses klugen, geschmackvoll und menschlich inszenierten Films, die verschiedenen Seiten unserer so diversen Gesellschaft zusammenzuführen - und sei es nur in der Erkenntnis wie absurd und lächerlich wir uns manchmal benehmen. 

Trailer "Allle reden übers Wetter“, ab 15.9. im KIno

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Rüdiger Suchsland