"Zweite Chance", der neue Film von Susanne Bier Berührender Thriller

Kulturthema am 12.5.2015 von Julia Haungs

Es gibt nur eine Handvoll Frauen, die als Filmregisseurinnen weltweit Beachtung finden. Eine davon ist die Dänin Susanne Bier. 2011 gewann sie für ihren Film "In einer besseren Welt" den Oscar für den besten fremdsprachigen Film. Nach einer Zeit im engeren Umfeld der Dogma-Bewegung um Lars von Trier, hat sich die 55-Jährige längst von dem strengen Regelwerk gelöst und hat ihren ganz eigenen Stil gefunden. Biers Filme sind meist realitätsnahe Familiendramen, die in emotionalen Grenzbereichen spielen.

Ist es falsch, wenn ein drogensüchtiges Paar sein Baby vollkommen verwahrlosen lässt? Mit Sicherheit. Ist es richtig, dieses hilflos leidende Baby dem Paar wegzunehmen? Vermutlich. Und was ist, wenn man den beiden stattdessen ein totes Baby unterschiebt? Moment - WAS!? Das ist die reichlich abwegige Ausgangssituation in "Zweite Chance".

xxxDie Hauptfigur ist der Polizist Andreas. Bei einem Routine-Einsatz entdeckt er in der Wohnung eines Junkie-Paars ein jämmerlich schreiendes Baby. Es liegt nur mit einer Windel bekleidet in einem Schrank: hungrig, vor Kälte zitternd, am ganzen Körper mit Kot beschmiert. Andreas ist fassungslos, dass seine Vorgesetzten nicht reagieren wollen.

Andreas geht die Sache sehr zu Herzen, denn er ist selbst vor wenigen Monaten Vater geworden. Zusammen mit seiner bildschönen Frau und dem heiß geliebten Sohn genießt er in einem idyllischen Haus am Meer sein Familienglück. Doch das hat ein abruptes Ende, als das Baby eines Nachts stirbt. Andreas Frau dreht durch, droht mit Selbstmord, als er den toten Säugling wegbringen will. In einer Übersprunghandlung rennt Andreas zur Wohnung der Junkies. Kurz entschlossen nimmt er deren Baby mit und lässt das eigene tote in der Wohnung zurück. Als Andreas seiner Frau das Ersatzbaby übergibt, ist sie geschockt.

Es ist nicht ganz leicht, sich auf diese sehr konstruierte Grundkonstellation einzulassen. Es hilft, wenn man sie weniger als realistische Filmhandlung denn als moralische Versuchsanordnung versteht. Dann entwickelt "Zweite Chance" eine starke Sogwirkung und zeigt glaubhaft, wie ein existentieller Verlust alle Wertmaßstäbe verschwimmen lässt. Wie weit darf man gehen, um das eigene Verständnis von Gerechtigkeit durchzusetzen? Dieses Gedankenexperiment deklinieren Regisseurin Susanne Bier und ihr Drehbuchautor Anders Thomas Jensen mit immer neuen Wendungen durch. Ist man sich als Zuschauer anfangs noch sicher, was richtig und was falsch ist, befindet man sich zusammen mit dem Protagonisten bald auf schwankendem Grund. Besonders schwierig wird es, als der Kindsentführer Andreas die verzweifelte Junkie-Mutter verhört und sie sich vor ihm dafür rechtfertigen muss, dass ihr angebliches Kind tot ist.

Susanne Bier erzählt schnörkellos und direkt. Dem Zuschauer wird es dadurch unmöglich, sich zu entziehen. Das ist oft schwer zu ertragen, denn der Film rührt an Urängste aller Eltern. Für die menschlichen Abgründe, die "Zweite Chance" zeigt, findet die Regisseurin wuchtige Bilder, und vor allem sind die Schauspieler hervorragend. Besonders Nikolaj Coster-Waldau in der Titelrolle spielt mit solcher Überzeugungskraft, dass man bereit ist, ihm über manche Klippe des Drehbuchs zu folgen. Mit "Zweite Chance" macht Susanne Bier ihrem Namen als Expertin für moralische Grauzonen alle Ehre – mit einem Film, der gleichzeitig berührt und verstört.

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