Dokumentarfilm Sydney Pollacks Aretha Franklin-Doku „Amazing Grace“: ein Zeitdokument

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6:00 Uhr
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SWR2

1972 entschloss sich Aretha Franklin auf dem Höhepunkt ihrer Karriere ein Album mit Gospeln zu produzieren, der Musik ihrer Kindheit. Das Album „Amazing Grace“ wurde an zwei Abenden live vor Publikum aufgenommen, gefilmt von Starregisseur Sydney Pollack. Aufgrund technischer Probleme kommt erst jetzt, 47 Jahre später, ein Konzertfilm zum erfolgreichsten Gospelalbum der Geschichte ins Kino.

Warner Brothers wollten einen Kinohit à la Woodstock landen

Es muss ein berauschendes Konzerterlebnis gewesen sein. Auf den Aufnahmen von „Amazing Grace“ sieht man beseelte Zuschauer, die die Arme Richtung Himmel recken, zwischen den Stühlen tanzen oder ekstatisch zuckend unter dem Sitz verschwinden.

Amazing Grace (Foto: Pressestelle, EclairPlay)
Das Konzert fand in der Missionary Baptist Church in Watts, Los Angeles unter der Leitung von Gospelllegende Reverend James Cleveland statt. Unterstützen ließ sich Franklin vom California Community Chor. Pressestelle EclairPlay

Aretha Franklin hat das Gospel-Album „Amazing Grace“ an zwei Abenden zusammen mit dem Southern California Community Chor in einer kleinen Kirche in Los Angeles aufgenommen. Der spätere Oscar-Preisträger Sydney Pollack dokumentierte das Geschehen mit fünf Kameras.

Das Studio Warner wollte damit einen Kinohit landen, wie es zwei Jahre zuvor der Woodstock-Konzertfilm gewesen war. Doch daraus wurde nichts, denn Pollack hatte Bild und Ton versehentlich nicht synchron aufgenommen.

Musikproduzent Alan Elliot´hat aus den Aufnahmen ein Zeitdokument gemacht

Das umfangreiche Material verschwand im Archiv. Jahrzehnte später erwarb Musikproduzent Alan Elliot die Aufnahmen, ließ sie mithilfe neuer digitaler Technik synchronisieren und schnitt daraus einen Film. Es ist kein polierter Best-Of-Mitschnitt, sondern ein Zeitdokument, das gleichzeitig die Entstehung des berühmten Gospel-Albums als auch die damaligen Filmaufnahmen dokumentiert.

In „Amazing Grace“ sieht man Regisseur Sydney Pollack oft, wie er im im Hintergrund energisch Anweisungen erteilt. Die Bilder sind so geschnitten, dass der Zuschauer dabei ist, wenn der Kameramann erst einmal die Schärfe richtig einstellt.

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Authentischer Eindruck des Konzerts der 29-jährigen Aretha Franklin

Auch manche Panne hat Elliott dringelassen, zum Beispiel wenn ein umgekippter Wasserbecher das Mikro lahmlegt oder wenn Franklin neu ansetzt, weil sie unzufrieden ist. So entwickelt sich ein authentischer Eindruck dieses Konzerts, bei dem Publikum und Künstler zu einer beseelten Einheit verschmelzen.

So präsent Aretha Franklin in diesem Konzert mit ihrer Stimme ist, so wenig ist sie es erstaunlicherweise als Person. Zum Publikum spricht sie nur wenige Sätze. Aber wenn die damals 29-Jährige singt, ist sie ganz da.

„Amazing Grace“ - weniger Konzert als Gottesdienst

Die Künstlerin ist als Tochter eines bekannten Baptistenpredigers mit Gospelmusik aufgewachsen. Früh tourte sie mit der Gospelshow ihres Vaters durch die USA, lernte von den Stars der Szene wie Mahalia Jackson, Clara Ward oder James Cleveland.

In „Amazing Grace“ ist Aretha Franklin auf dem Höhepunkt ihrer Kunst. Es ist weniger ein Konzert als ein Gottesdienst, den die Sängerin mit einer religiösen Inbrunst gestaltet, die selbst den ungläubigsten Kinozuschauer ergreifen dürfte.

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