Berlinale Netflix macht Kino: "Elisa und Marcela" von Isabel Coixet

Von Anja Höfer

Die katalanische Regisseurin Isabel Coixet zeigt dieses Jahr im Wettbewerb die wahre Geschichte über eine lesbische Liebe zu Anfang des 19. Jahrhunderts. „Elisa y Marcela“ sorgte schon im Vorfeld der Berlinale für Aufruhr: Es ist die erste Produktion des Streamingdienstes Netflix im Wettbewerb. Mehrere Kinobetreiber hatten den Ausschluss von Coixets Film gefordert, da nicht sicher gestellt sei, dass die Produktion auch regulär ins Kino komme. Netflix hat den Kinostart in Spanien angekündigt.

Eine lesbische Liebe im Jahr 1889

Einer der raren Momente reinen Glücks in diesem Film ist ein ausgelassenes Bad im Meer: „Es ist wie ein Traum,“ sagt die eine Frau, die andere meint: „Nur das Wasser im Traum wäre weniger kalt.“ Weniger kalt wäre im Traum der beiden so hoffnungslos verliebten Frauen sicher auch die sie umgebende Gesellschaft: ein erzkatholisches Spanien im Jahr 1889.

Zarte Annäherung in der Nonnenschule

Elisa und Marcela treffen sich als Schülerinnen einer Nonnenschule und merken bald, dass sie mehr verbindet als reine Freundschaft. Bevor sie die über ersten zaghaften Annäherungen hinaus kommen können, werden sie durch Marcelas misstrauisch-strenge Eltern getrennt.

Erst einige Jahre und viele Briefe später treffen sich die beiden als Lehrerinnen wieder, nun völlig überwältigt von ihrer Leidenschaft. Sie können nicht anders, sie beginnen in aller Heimlichkeit ein gemeinsames Leben.

Sehnsucht nach Normalität

Dennoch erregt die seltsame Wohngemeinschaft in dem kleinen Dorf der Provinz Galizien schnell den Argwohn der Einwohner. Steine fliegen, ein wilder Mob tobt schließlich vor ihrem Haus. „Die Monster sind da draußen“, sagt Marcela einmal in einem Augenblick großer Verzweiflung, sehnen sich die beiden Frauen doch nach nichts mehr als nach Normalität.

"Elisa und Marcela", Regie Isabel Coixet, Elisa (Natalia de Molina), Marcella ( Greta Fernández) (Foto: © Netflix - © Netflix)
"Elisa und Marcela", Regie Isabel Coixet, Elisa (Natalia de Molina), Marcella ( Greta Fernández) © Netflix - © Netflix

Die erste lesbische Hochzeit Spaniens

Eine List soll sie retten: Elisa verschwindet für einige Tage und kehrt mit Kurzhaarschnitt und als Mann verkleidet zurück, sie gibt sich als ihr eigener Cousin Mario aus. 1901 treten die beiden vor den Traualtar.

Es ist die erste lesbische Hochzeit mit dem Segen der katholischen Kirche in Spanien, und sie ist historisch verbürgt: Das original Hochzeitsfoto wurde noch im selben Jahr auf der Titelseite einer galizischen Tageszeitung abgedruckt.

Flucht nach Portugal

Denn die Maskerade fliegt schnell auf und wird zum Skandal, der zu höchsten diplomatischen Verwicklungen zwischen Spanien und Portugal führen wird, wo Elisa und Marcela nach ihrer Flucht aus Spanien im Gefängnis landen.

Große Liebes-Geschichte in reduzierten Schwarzweißbildern

Die katalanische Regisseurin Isabel Coixet erzählt diese wahre, große Liebes-Geschichte unaufgeregt-lakonisch, in auf alles Wesentliche reduzierten schwarz-weiß Bildern.

Dick aufgetragen wird allenfalls in den allzu sentimentalen Streicher-Soli des Soundtracks. Natalia de Molina und Greta Férnandez verleihen den beiden Frauen in ihrem jugendlichen Überschwang und Trotz große Glaubwürdigkeit.

An der Grenze zum Softporno

Die Kamera von Jennifer Cox kommt ihnen immer wieder sehr nah, zelebriert ihre schönen Körper allerdings manchmal an der Grenze zum Softporno, was der Einsatz eines frisch gefangenen Oktopus beim Liebesspiel nicht gerade besser macht.

Eine Rahmenhandlung zeigt Elisa und Marcela, die mit viel Glück und der Hilfe eines wohlwollenden portugiesischen Amtsträgers nach Argentinien fliehen konnten, als gealtertes glückliches Paar.

Chance verschenkt auf einen großartigen Film

Der Film hat durchaus seine berührenden Momente. Doch im Gegensatz zu seinen beiden Hauptfiguren traut er sich nichts und verharrt in einer seltsam elegischen Biederkeit und Historizität.

Damit verschenkt er das Potential einer wirklich großartigen Geschichte, die auch heute noch und zwar dringend erzählt werden muss. Statt dessen listet der Abspann ein paar trockene Fakten zur Lage der Homosexuellen in der Welt auf. Mehr vom Mut und der frech-gewitzten Energie seiner beiden Hauptfiguren hätte dem Film gut getan.

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