Filmkritik "Kindeswohl" nach dem Roman von Ian McEwan Wohltemperiertes Justizdrama

Von Julia Haungs

Das Kino greift immer wieder auf Werke des 70-jährigen britischen Schriftstellers Ian McEwan zurück. Bereits im Kino zu sehen ist die Adaption seiner Liebesgeschichte "Am Strand" und am 30.8. startet mit dem Justizdrama "Kindeswohl" schon die nächste Verfilmung. Das Drehbuch hat der Autor wieder selbst verfasst, in der Hauptrolle überzeugt Emma Thompson.

Emma Thompsen als taffe Familienrichterin

Familienrichterin Fiona Maye ist taff. Eine Frau, die über den Dingen steht, auch wenn sie im Akkord schwerwiegende Entscheidungen treffen muss. In ihrem Gerichtssaal geht es um Sorgerechtsstreitigkeiten, Unterhaltszahlungen oder andere Fragen des Kindeswohls.

Manchmal muss sie dabei über Leben und Tod urteilen. So auch im Fall des leukämiekranken Adam.

Sterben aus religiösen Gründen

Als Mitglied der ‚Zeugen Jehovas’ lehnt der 17-Jährige die lebensnotwendige Bluttransfusion ab. Diese gilt in der Sekte als schwere Sünde, die den Ausschluss aus der Gemeinschaft zur Folge hat. Um sich selbst ein Bild zu machen, besucht die Richterin den ungewöhnlichen Jugendlichen im Krankenhaus.

Die Grenzen der Selbstbestimmung

Darf man einen Minderjährigen sterben lassen, weil sein Glaube es verlangt? Wie weit geht das Recht auf Selbstbestimmung eines Kindes? Und ist der Fall für einen Richter mit dem Urteil erledigt oder sollte er auch die Konsequenzen seiner Entscheidung tragen? Diese Fragen beleuchtet "Kindeswohl" von allen Seiten und bewegt sich dabei im Spannungsfeld zwischen Religion, Recht und Moral.

Auch Fionas Mann Jack ist mittlerweile zu ihr zurückgekehrt. Er ist ihr fremdgegangen und bittet sie um Verzeihung. Er tut alles, um die Ehe mit Fiona zu retten. (Foto: Concorde Verleih -)
Fionas Mann Jack ist fremdgegangen. Nun bittet er sie um Verzeihung und tut alles, um die Ehe zu retten. Concorde Verleih -

Kultivierte Auseinandersetzung im großbürgerlichen Ambiente

Wie die gleichnamige Romanvorlage von Ian McEwan verbindet "Kindeswohl" das Gerichtsdrama zugleich mit einem privaten. Denn während Fiona immer weiter in den Fall hineingezogen wird, droht ihre Ehe zu zerbrechen. Ihr Mann fühlt sich seit Jahren vernachlässigt, da Fiona einzig für ihren Beruf lebt.

Was ein emotionaler Abgrund sein könnte, wird im Drehbuch von Ian McEwan zu einer kultivierten Auseinandersetzung im großbürgerlichen Ambiente. Sogar den geplanten Ehebruch kündigt Stanley Tucci als Fionas Mann Jack höflich an.

Kinostart 30.08. Kindeswohl von Richard Eyre

Die angesehene Familienrichterin Fiona Maye (Emma Thompson) verhandelt seit vielen Jahren am High Court in London Scheidungen, Sorgerechtsfälle und Fragen des Kindeswohls. (Foto: Concorde Verleih -)
Die angesehene Familienrichterin Fiona Maye (Emma Thompson) verhandelt seit vielen Jahren am High Court in London Scheidungen, Sorgerechtsfälle und Fragen des Kindeswohls. Concorde Verleih - Bild in Detailansicht öffnen
Schon lange belastet Fionas Karriere ihre Ehe mit dem Geschichtsprofessor Jack (Stanley Tucci). Als er ihr eröffnet, wie unglücklich er mit der Beziehung ist und dass er über eine Affäre nachdenkt, setzt sie ihn kurzerhand vor die Tür. Concorde Verleih - Bild in Detailansicht öffnen
Ausgerechnet in dieser schwierigen Situation wird sie mit einem besonders dringlichen Fall konfrontiert. Ein Junge liegt mit Leukämie im Krankenhaus und seine Eltern verweigern ihm die Bluttherapie, da sie praktizierende Zeugen Jehovas sind und diese Therapie ihrem Glauben widerspricht. Concorde Verleih - Bild in Detailansicht öffnen
Fiona soll entscheiden, ob der junge Adam Henry (Fionn Whitehead) gegen seinen Willen behandelt wird. Im Krankenhaus macht sie sich selbst ein Bild und eröffnet dem Jungen, dass ein Beharren auf seiner Entscheidung den sicheren Tod bedeutet. Concorde Verleih - Bild in Detailansicht öffnen
Adam ist nicht nur intelligent, sondern auch willensstark und lebhaft. Er ist gläubig und steht hinter der Entscheidung seiner Eltern. Als er Fiona auf der Gitarre "Beim Weidengarten unten" vorspielt, ist sie zu Tränen gerührt. Concorde Verleih - Bild in Detailansicht öffnen
Vor Gericht gibt Fiona schließlich der Klage des Krankenhauses statt und ordnet die Zwangsbehandlung des Jugendlichen Adam an. Gegen seinen Willen erhält der Junge die lebensrettende Bluttransfusion. Concorde Verleih - Bild in Detailansicht öffnen
Einige Zeit später kontaktiert der mittlerweile genesene Adam die Richterin und bedankt sich überschwänglich bei ihr für sein geschenktes Leben. Concorde Verleih - Bild in Detailansicht öffnen
Auch Fionas Mann Jack ist mittlerweile zu ihr zurückgekehrt. Er ist fremdgegangen und bittet sie um Verzeihung. Er tut alles, um die Ehe mit Fiona zu retten. Concorde Verleih - Bild in Detailansicht öffnen
Adam kann nicht verstehen, dass die Frau, die ihm ein zweites Leben schenkte, ihn nun so zurückweist. Concorde Verleih - Bild in Detailansicht öffnen
Einige Monate später erhält Fiona die Nachricht, dass Adam erneut erkrankt ist. Er verweigert die Behandlung erneut, ist nun aber volljährig und kann von niemandem dazu gezwungen werden. Bei einem Klavierkonzert versucht sich Fiona nichts anmerken zu lassen – bis zu dem Zeitpunkt, an dem "Beim Weidegarten unten" auf dem Programm steht. Concorde Verleih - Bild in Detailansicht öffnen
Der Film basiert auf der gleichnamigen Romanvorlage von Ian McEwan aus dem Jahr 2015. Der Originaltitel „The Children Act“ bezieht sich auf Großbritanniens Children Act von 1989, der die Gesetzgebung revolutionierte, indem er die Bedürfnisse von Kindern über die der Erwachsenen stellt. Concorde Verleih - Bild in Detailansicht öffnen

Emma Thompson überzeugt

Ohne Emma Thompson würde es diesen Film nicht geben, hat Regisseur Richard Eyre gesagt. Und in der Tat ist die 59-jährige Britin eine überzeugende Besetzung für diese kluge, entscheidungsstarke Frau in einer Machtposition. Eine komplexe Rolle wie das Kino sie nur selten für Frauen in diesem Alter bereithält.

Mit großem Verantwortungsbewusstsein fällt Fiona hochemotionale Urteile. Sie selbst lässt sich gefühlsmäßig dagegen fast nie aus der Reserve locken. Doch dann wird sie zum ersten Mal mit den Folgen einer ihrer Entscheidungen konfrontiert. Der genesene Adam beginnt, ihr nachzustellen und schreibt ihr jede Menge Briefe.

Gezähmte Gefühlsausbrüche

Die Figuren in "Kindeswohl" befinden sich allesamt in innerem Aufruhr. Trotzdem bewegt sich die Inszenierung von Richard Eyre auf einer Gefühlsskala meist im mittleren, wohltemperierten Bereich. Erst ganz zum Schluss bricht die Richterin aus ihrer Rolle als personifizierte Überparteilichkeit aus und lässt eigene Emotionen zu.

Einige Monate später erhält Fiona die Nachricht, dass Adam erneut erkrankt ist. Er verweigert die Behandlung erneut, ist nun aber volljährig und kann von niemandem dazu gezwungen werden. Bei einem Kla (Foto: Concorde Verleih -)
Einige Monate später erhält Fiona die Nachricht, dass Adam erneut erkrankt ist. Er verweigert die Behandlung erneut, ist nun aber volljährig und kann von niemandem dazu gezwungen werden. Bei einem Klavierkonzert versucht sich Fiona nichts anmerken zu Concorde Verleih -

"Kindeswohl" erzählt von Lebensdramen, verzichtet selbst aber auf das große Drama. In seiner unaufgeregten Verdichtung erinnert er fast an eine richterliche Urteilsbegründung. Anders als diese kommt der Film aber ohne Schuldspruch aus. Er gesteht seinen Figuren Schwächen und Widersprüche zu und macht sie nicht zu Angeklagten.

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