Filmkritik: Beyond Punishment Strafkonzepte hinterfragt

Kulturthema am 10.6.2015 von Herbert Spaich

Gnade und Vergebung gehören zu den elementaren Werten einer zivilisierten menschlichen Gesellschaft. Sie geraten an ihre Grenzen, wenn ein Verbrechen verübt wird. Dann tritt an ihre Stelle – auch in unserem Rechtssystem – Bestrafung und Vergeltung für das begangene Unrecht. Ein besonders heikler Bereich betrifft das Verhältnis zwischen Opfern bzw. ihren Angehörigen und den Tätern. "Beyond Punishment" heißt ein neuer Dokumentarfilm, der sich mit dieser Frage beschäftigt. Regisseur Hubertus Siegert wurde dafür mit dem diesjährigen Max-Ophüls-Preis ausgezeichnet und für den "Deutschen Filmpreis 2015" nominiert.

Die Praxis in unserem Strafsystem! Hubertus Siegert stellt es mit seinem Film "Beyond Punishment" in Frage an drei Beispielen:

In einem Gefängnis für Schwerstverbrecher in Wisconsin lädt die ehemalige Richterin Janine Geske Täter und die Angehörigen von Opfern zu Gesprächskreisen ein. Es gehe ihr darum, das Bewusstsein aller Beteiligten zu verändern, indem sie einander zuhören.

Beispiel zwei: In einem kleinen Dorf in Norwegen hat ein junger Mann, seine Freundin aus Eifersucht erschossen. Der Vater der Ermordeten wird damit konfrontiert, dass der Täter auf Grund des norwegischen Rechtssystems nach relativ kurzer Zeit aus der Haft entlassen wird. Der junge Mann bittet in einer Videobotschaft um Vergebung.

Beispiel drei: Patrick von Braunmühls Vater, ein hoher Beamter im Außenministerium, wurde 1986 von einem RAF-Kommando ermordet. Die eigentlichen Täter sind nie ermittelt worden. Patrick von Braunmühl hat deshalb die als RAF-Täterin inhaftierte Birgit Hogefeld besucht.

"Beyond Punishment" ist einer der ungewöhnlichsten Dokumentarfilm der letzten Zeit. Regisseur Hubertus Siegert will seine Beweggründe, sich einem Thema zu widmen, das an ethische Grundfragen und einen wunden Punkt in unserem Rechtssystem rührt.

Dieses Dilemma belastet auch die Protagonisten in Siegerts Film. Das auf Rache und Vergeltung beruhende Strafrecht kann das Leid und den Verlust nicht ausgleichen. Ein wie immer gearteter Dialog aber unter Umständen mildern.

Hubertus Siegert bietet mit seinem Film "Beyond Punishment" keine wohlfeilen Patentlösungen an. Allerdings wird unmissverständlich deutlich, dass mehr als bisher die Täter-Opfer-Begegnung Teil des Strafvollzugs werden muss. Deshalb tourt Hubertus Siegert derzeit mit seinem Film durch die Gefängnisse des Landes und diskutiert ihn mit den Insassen. Ein Film der Anstöße geben will; der durch seine betont nüchterne Machart Distanz schafft und dadurch um so mehr beeindruckt!

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